DAS DING MIT DER DOPPELMORAL

Manche Menschen sind schon merkwürdig. Sie merken nicht, wie sie sich Stunden, ach was, Monate, über Themen, Menschen und in ihrem Augen unangemessenes Verhalten aufregen können, um dann im nächsten Augenblick ebenfalls ähnlich angelegte Strukturen zu verteidigen.

Vermutlich bezieht man am liebsten Stellung zu Dingen, die einem vertraut sind. Liebgewonnene Themenbereiche, in denen man schon selbst reichlich Erfahrung sammeln konnte. Man ist sozusagen Experte/Expertin in diesem Gebiet.

Und als Experten empfiehlt es sich, diese Expertise immer wieder unter Beweis zu stellen. Sich mit Inbrunst hinterzuklemmen. Manchmal geht das Ganze soweit, dass aus Pflichtbewusstsein Wut wird und aus Interesse andere zu informieren, eine Art aggressive Missionierung entsteht.

Menschen die anders denken, werden nun angeprangert. Im Internet geht das schneller als durch jeden Dorfbuschfunk.

Da werden Menschen die anders denken verlinkt und markiert. Es werden kryptische Posts verfasst oder ganze Screenshots gebastelt.

Das Interessanteste am Internet mag aber tatsächlich sein, dass dieses nicht oder nur sehr schwer dazu in der Lage ist zu vergessen. Habe ich also heute diese Meinung und morgen jene, mag der Satz „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ zwar gelten, aber Fakt ist auch, jeder kann meinen minütigen Sinneswandel nachvollziehen..na sagen wir nachlesen.

Fand ich es eben noch Scheiße, fremde Kinderfotos online bei anderen zu entdecken, kann man mir ganz klar nachweisen, dass ich vor Jahren ggf. genau solche Fotos noch drollig fand. Klar, Lerneffekt und so…man lernt aus Fehlern, man entwickelt sich weiter.

Aber! Darf ich denn laut brüllen:“Alter weißer Mann, du bist Kacke!“ und mir und der Welt dann sagen:“Steht ja nur für ein Problem und nicht tatsächlich für den alten Rentner an der Kasse!“?

Und kann ich rufen:“Alle Männer sind Scheiße!“,wenn ich selbst Söhne habe, mir die Verantwortung absprechend, dass auch diese irgendwann meine Texte lesen könnten?

Und kann ich dann aber hingegen sagen:“Es tut mir sehr weh wie ihr über dieses und jenes denkt und urteilt [Themenschwerpunkt beliebig einfügen]. Hört doch auf alle über einen Kamm zu scheren und so zu verallgemeinern!“ oder bin ich dann nicht mehr glaubwürdig?

Vermutlich kann man alles mit Ja beantworten. Klar kann man a Scheiße und b Dufte finden. Klar kann man sich heute so und morgen so entscheiden. Natürlich kann man klagen und dennoch nutznießen.

Uns steht in einer Demokratie fast alles offen. Niemand kann uns vorgeben was wir zu tun oder zu lassen haben. Kritisieren kann man es, aber auch nicht mehr.

Es gibt kein Recht auf Authentizität. Es gibt aber den frommen Wunsch, nach Nachvollziehbarkeit.

Ich möchte wissen, ob ich es mit einem Schreihals zu tun habe, der diesen wendet nach Trend und Gutdünken oder ob da jemand einfach mehrere Ansichten hat, die er gut argumentieren und reflektieren kann.

In der Regel verlockt uns das Internet dazu, unsere Meinung alle paar Minuten umzudenken, anzupassen und einem Trend zu unterwerfen. Wenn heute Umweltschutz angesagt ist, kann ich mir morgen dennoch einen SUV kaufen. Wenn ich gestern noch Diät gehalten habe, kann ich morgen auf meinen Speck deuten und sagen „shame meinen body nicht, bitch!“ usw.

Wir sind komplex und manche von uns sind ein bisschen verrückt. Wir sind unsicher und manchmal auch einfach und klar.

Es ist ein Jammer, dass wir uns nicht zur besseren Einordnung in Schubladen stecken lassen.

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