ICH BIN MIR SUSPEKT

Jeder kennt doch mindestens einen Menschen in seinem Umfeld, der absoluten Größenwahn bei einer gleichzeitigen Aura von Selbsthass verströmt. Menschen die behaupten schon alles gesehen, gehört und erlebt zu haben, die tollsten oder schlimmsten Erfahrungen hatten und überhaupt die besten Menschen zu sein.

Gleichzeitig verströmen diese Menschen große Unsicherheit. Sie wanken zwischen ihrem Mangel an Selbstbewusstsein und ihrem Wunsch nach Anerkennung. Wie also damit umgehen? Wie das Unerreichte endlich erreichen? Genau, mit Hochstaplerei!

Also wird jedes Gespräch zu einem Monolog, jede Diskussion muss im Kampf gewonnen werden und kleine Kratzer gleichen der Amputation des Kopfes.

Niemand hat dann so viel Leid oder so große Freude empfinden können wie eben diese Person. Alles kennt diese Person, jeden Club oder jede In-Bar, alle Läden oder Geheimtipps.

Wenn jemand erzählt, er hatte eine schwere Kindheit, wird der oder die andere gleich noch vom Aufenthalt in einer Psychiatrischen Klinik berichten und wenn jemand berichtet mit Brechdurchfall das Wochenende verbracht zu haben, erzählt diese Person, sich eben noch zur Arbeit geschleppt zu haben, obwohl seit acht Wochen eine Knieoperation notwendig wäre.

Oft gehen diese Menschen allen unglaublich auf den Sack, aber niemand stoppt das Getue. Es wird geraunt, bemitleidet, genickt und bestätigt. Diese Menschen zeichnen sich nicht etwa dadurch aus besonders glaubwürdig rüberzukommen, sondern extrem nervig. Um aber nicht Gegenstand der nächsten Anekdote, online oder auf Arbeit, zu werden, schluckt man brav den Frust runter und lässt reden.

Schade. Denn diese Menschen sind eigentlich so interessant wie ein Stück trockenes Brot. Und sie wissen darum. Sie fürchten sich sogar davor. Nichts wäre schlimmer, als jemand der ihnen ihre Dramen streitig machen könnte oder schlimmer: ihr Gesagtes relativiert.

Aus einem „Also dieses und jenes Restaurant ist ja das Beste von allen.“,könnte so leicht ein „Ach so, da war doch neulich die Seuchenbehörde!“ und -Zack- mundtot. Oder aus einem „Und dann haben mir acht Männer in der Bar ihre Nummer gegeben!“, kann man leicht machen:“Ehrlich? Gibst du mir drei davon ab, ich bin doch schon so lange Single.“

Es wäre zu schön, wenn diese Spielchen nicht gleichsam albern und infantil wären. Man ließe sich auf dieses Niveau herab und würde schlimmstenfalls vor anderen Leuten ähnlich grotesk in Erscheinung treten. Aber was für ein Spaß.

Ich werde ja wohl noch träumen dürfen.

Dies geht raus an zwei meiner Kolleginnen, einer Ex meines Partners und einer ehemaligen Schwiegermutter sowie meiner Oma. Ihr seid okay so wie ihr seid (mehr oder minder), hört auf euch zu überhöhen oder andere klein zu reden). Danke.

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