DIE WAHL HABEN

Mein Sohn sagte heute trotzig:“Also ich gehe ja niemals wählen. Egal wen man wählt, ihre Versprechen halten sie doch alle nicht ein!“ und kräuselte seine Nase.

Natürlich habe ich ihm dann erklärt, wieso nicht zu wählen nur dann eine Option wäre, wenn wirklich niemand mehr wählen gehen würde. Bis auf den letzten Mann/die letzte Frau/den letzten Menschen. Nur dann käme nicht vielleicht eine Minderheit an die Macht, die man da tatsächlich gar nicht haben wollte und dann Dinge durchsetzen kann, die man überhaupt nun einmal gar nicht machen wollte usw.

So ganz stellte ihn das noch nicht zufrieden und ich überlegte.

„Na gut dann anders. Die größte Wählergruppe besteht immernoch aus älteren Menschen. Deutlich älteren Menschen. Wenn du dir also vorstellst, wie dein Opa und alle seine Altersgenossen für dich und all deine Altersgenossen gewählt haben, wirst du am Ende vermutlich in all deinen Wünschen und Bedürfnissen schön baden gehen. Wir brauchen also alle Stimmen, ob jung oder alt, um alle Interessen und Wünsche zu berücksichtigen.“

Das kam an.

Die Aussicht auf baldiges Mitspracherecht, um eigene Belange durchsetzen zu können, war dann doch verlockend. Leider muss er noch eine ganze Weile warten. Das ist natürlich auch so ein Ding. Wenn alle ab 18 (hier und da etwas eher) erst wählen dürfen und wir schließen dann ggf. noch andere Gruppen aus, obwohl sie hier leben, arbeiten oder aufgewachsen sind, wie erhält man dann ein tatsächliches Abbild der Gesellschaft, ihrer Bedürfnisse und Interessen? Wer kann sich heute noch so deutlich erinnern, was Jugendliche und Kinder brauchen, wenn nicht Jugendliche und Kinder?

Wer weiß, wie viele Menschen tatsächlich für Menschen mit Beeinträchtigung auf die Straße gehen und ihr Kreuz setzen?

Wer weiß schon, ob irgendein Wähler/eine Wählerin ihr Kreuz im Namen der Eingewanderten oder über Generationen hier lebenden Migrantenkinder setzt?

Eben, niemand.

Und wenn sie dann alle also wieder nicht an die Wahlurne dürfen und wir uns fragen welcher alte weiße Mann heute wieder über meine und die Zukunft aller abgestimmt hat, versteht man mein Kind besser.

Aber Aufgeben ist eben keine Option. Nie.

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