EINE KLEINE HORRORSHOW

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Ihr wolltet schon immer wissen wie es ist, wenn ihr oder eure Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Stammbaums, einer Behinderung oder sexuellen Präferenz des Landes verwiesen werdet/n? Na dann Gratulation! In ein paar Jahren dürfen wir hautnahe erleben, wie es ist sich diskriminiert zu fühlen und seine Liebsten als unwertes Leben abgestempelt und verurteilt zu sehen.

Noch keine Angst, weil es euch nicht betrifft? Klasse! Dann zeichnen wir mal weiter unsere kleine Diktatur.

Ihr seid jetzt Anfang zwanzig und eure größte Sorge ist, der eingewanderte Nachbar könnte euch Job und Freundin klauen. Angenommen die Freundin ließe sich nicht rauben und die Postbotenstelle sei euch sicher, weil man dafür nach wie vor einwandfrei Deutsch in Wort und Schrift beherrschen müsse (Hust..na, bei wem drückt hier schon der Schuh?). Wie ginge es in einem Horrorfilm jetzt weiter? Genau. Ihr heiratet, weil das die deutsche neue alte Tradition so vorschreiben wird und zeugt ein bis zehn blonde Engel. Leider wird eines mit einem Gendefekt geboren. Abtreibungen sind per Gesetz seit der letzten Vereidigung des neuen Bundeskanzlers (natürlich ein fetter weißer Kerl) verboten und eurer Baby kommt zur Welt. Noch im Krankenhaus beginnt ihr dieses Kind zu lieben. Es ist klein und das gleiche rote Blut eurer Familie fließt durch seine Adern, ABER! Es muss weg. Die neuen Gesetze verbieten unwertes Leben. Hier wird sortiert, noch bevor ihr richtig Abschied nehmen konntet. Eine Krankenschwester nimmt das Bündel Leben vom Bauch der Mutter und niemand sagt euch wohin es verschwindet.

Vielleicht seid ihr sogar froh. Ein hungriges Maul weniger. Die Schande blieb euch erspart und die lebenslange Verpflichtung ebenso. Zu blöd, eure Familie und Nachbarn wissen Bescheid. Sie schämen sich, nur wenige haben genug Mitgefühl.Die Welt ist eine andere seit damals. Kaum Mitleid und diese Härte in allen Gesichtern.

Ihr wohnt in einer Großstadt. Dort gibt es noch viele Homosexuelle. Früher war die Stadt bunt und es wurde viel gefeiert. Heute grenzt die Stadt an ein Musterbeispiel von Zucht und Ordnung. Nur die grölenden Massen glattköpfiger Idioten, die tatsächlich genauso gerne Frauen betatschen und Flaschen werfen, sind noch da. Bereit Ärger zu machen. Sie greifen zunächst euren schwulen Onkel Karl an. Er kommt mit einem blauen Auge davon, aber ihr seid Zielscheibe politischer Konsequenzen. Ihr müsst zum Appel antreten und erklären, in welcher Beziehung ihr zu diesem Schandfleck steht. Heimlich denkt ihr an noch fünf weitere Bekannte und Freunde aus dem engsten Kreis, die ebenfalls gerne Muschis lecken und Schwänze lutschen. Früher, in der Uni, habt ihr ja selbst mal experimentiert. War nix für euch, aber dafür auf’s Maul? Bisschen viel.

Ihr geht zur Arbeit und seht auf der Straße plötzlich eine an der Wand stehende Gruppe Ausländer. Manche mit Kopftuch und alle mit eindeutigen Tätowierungen auf der Stirn. Früher war es das Band am Arm, heute ein nicht auslöschbarer Makel. Dieses Stigma wurde auch eurer besten Freundin verpasst. Die ist dritte Generation Russin und in ihrem ganzen Leben hat sie nie die Grenzen abseits der Stadt verlassen. Dennoch, sie gilt jetzt als Migrantin und Schmarotzerin. Raus mit ihr.

Die Ausländer an der Wand werden ruppig behandelt und angebrüllt. Die euch versprochene Idylle ist keine. Seit Monaten schreiben Polizisten Leute auf der Straße an und marschieren durch die Parks. Sie klingeln nachts die Nachbarn wach und knüpfen sich in der Schule alles Personal vor, welches anders gewählt hat. Die Stadt wird enger. Euer Land wird nicht ruhiger und übersichtlich. Es wird bedrohlich und böse. Wer der Feind ist, stand bereits im Wahlprogramm, aber ihr wolltet es nicht lesen. Alles Schnickschnack.

Apropos lesen. Eure Lieblingssender sind alle tod. Fernsehen wie es einst einmal war, musste genau wie die Pizza, der Döner und natürlich McDonald’s weichen. Heute steht Heimatpflege an. Deutsches Essen. Deutsche Kultur. Wenn ihr Kultur noch definieren wollt, dann ist das die Zeit eurer Urgroßeltern und älter. Seit ihr lebt, gab es Multikulturelle Einflüsse und ihr habt sie gerne genutzt. In Frieden gelebt und geliebt. Gegessen und gesagt was ihr wolltet. Manchmal wütend gepöbelt und im Wissen um eure Freiheit die ein oder andere Demo genossen, genau wie einen Joint auf der Fensterbank. Ihr habt öffentlich geknutscht und wenn ihr psychologische Betreuung nach heftigem Liebeskummer hattet, wurde niemand des Landes verwiesen. Heute ist das anders. Heute seid ihr Verbrecher, weil ihr eurem Staat schadet. Ihr seid dafür da Geld zu verdienen und in eurer Freizeit Kinder zu zeugen. Ob das je eurer Ziel war oder ihr eigentlich lieber mit dem Motorrad die Küsten Europas abgefahren hättet, spielt heute keine Rolle mehr. Eure Reisen beschränken sich nun auf das Inland.

Nach drei Jahren Schwermut klingen die Sirenen. Sie sind installiert worden, nach vierzig Jahren Abriss. Ihr rennt heute nicht mehr in den Keller runter. Sollen sie euch doch heute erwischen. Ihr seid es Leid. Zur Schule geht sowieso keiner mehr und eure Jobs sind dem Militärdienst gewichen. Eure Frau ist neulich gestorben, als eine Granate sie erwischt hat. Eure Kinder sehen aus wie müde kleine Zombies. Grüne Wiesen sind den oberen zehntausend vorbehalten. Aller Reichtum dient der Elite.

Ihr seid aber der Pöbel. An euch denkt heute genauso wenig jemand wie damals. Damals gab es diesen kurzen Moment, in dem es wichtig war eure Stimmen zu gewinnen. Diese elende Wahl, als euer Kreuz an falscher Stelle saß. Als die Demokratie dazu verhalf eine Diktatur zu schaffen.

Ihr geht durch die Trümmern und denkt an die Freiheit zurück, die euch damals dazu brachte den falschen Schritt zu gehen. Ihr seid müde. Ihr seid endlich wach.

UNSERE SCHÄRFSTEN KRITIKERINNEN

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Neulich habe ich einen Text zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelesen. Inzwischen werden diese immer kritischer und entlarven was wirklich schief läuft in einer Gesellschaft zwischen Leistungsdruck und Überlebenskampf. Ich erwischte mich dabei, wie ich die Worte der Texterin anzuzweifeln begann. Sie war Journalistin und Alleinerziehende. Mitten in der Arbeit, kam der uns allen bekannten und verhasste Anruf „Kind abholen“. Sie fuhr dann mit dem Taxi los und konnte auch drei Tage später ihre Deadline für eine Abgabe nicht einhalten. Innerlich rührte sich etwas in mir. Würde mein Chef verstehen, wieso ich drei Tage einfach nicht zur Arbeit kam? Würde ich mir ein Taxi leisten (können), wenn mein Kind aus Kita oder Schule abgeholt werden müsste? In beiden Fällen ein eindeutiges Nein.

Doch dann fragte ich mich, wieso ich mich über eine andere Person stelle, denke sie sei ja noch gut bei weggekommen. Ist sie nicht. Sie ist frustriert, verängstigt, gestresst und genervt wie ich. Sie ist ratlos und suchte ein Ventil. Für sie ist dieser Spagat genauso spürbar wie für mich, ob mit Haushaltshilfe oder ohne. Und ich wette selbst mit Partner oder einem Netzwerk aus Freunden und Familie, hätte jemand da draußen einen Grund zu klagen, weil es schwer sein kann und weil nichts so viel Flexibilität fordert, wie Beruf und Familie zugleich zu meistern.

Die Kritikerin in mir, wusste um meinen Tagesablauf. Ich wusste wann ich aufstehen muss und mich endlich wieder hinlegen darf. Ich wusste aber gar nichts von ihr da draußen. Ihre Sorgen und Ängste sind nicht kleiner und nicht deutlich anders. Sie ist ich. Ich bin sie. Ich wünsche ihr Kraft und Lebensfreude genug, um sich immer wieder aus ihrer stressigen Situation befreien zu können. Ich wünsche ihr nur das Beste. Ob im Bus oder im Taxi sitzend.

PUTZT DU NOCH ODER LIEGST DU SCHON?

Corona hat so manches in uns frei gesetzt.

Den Drang zu hamstern womöglich. Erstmal schreiend vor Freude im Kreis rennen, bei so einigen SchülerInnen. Später der verzweifelte Versuch der Kontaktaufnahme zu jedem der ebenso gerne via Facetime oder Skype chattet.

Meine Nachbarin baute gestern endlich einmal das Kinderzimmer um. So ihre enthusiastische Mitteilung, während wir im Sicherheitsabstand auf dem Hof saßen und uns versprachen mit Gossip zu versorgen. Tatsächlich hatte sie die letzten Wochen weniger erlebt als ich und blickte mich erstaunt an, als ich mitteilte den Besen an den Nagel zu hängen.

Jede Woche putze ich zwischen einer halben und drei Stunden die Wohnung. Dass dieses Unterfangen mir nur anfangs Spaß und Ablenkung brachte, muss ich vielleicht nicht jedem erklären. Denn als ich feststellen musste, dass zwei Kinder und eine Katze in Isolation sieben Tage die Woche mehr Dreck, Staub, Haare und Kram verstreuen würden als jemals zuvor, war eigentlich kein Schock. Es war eine Erkenntnis. Wieso putze ich?

Wieso sortiert man seine Unterlagen, wenn dies in zwei Monaten wieder genauso stattfinden wird? Wieso den Schrank sorgfältig von Wintersachen befreien und die sommerliche Mode falten, hängen und nach Farben ordnen?

Natürlich könnte man jetzt sagen, um etwas zu tun. Wenigstens irgendetwas.

Andere machen jetzt Sport. Wieder andere lesen endlich alle Bücher die seit Jahren im Schrank mit ihren Autoren und Titeln protzen.

Ich tue all dies oder all dies auch wieder nicht.

Stattdessen nutze ich diese Zeit, um mir immer mal einen langen Spaziergang zu gönnen. Länger als sonst. Gerade wenn die Kinder nicht da sind. Ich bereite mir den Kaffee in Ruhe vor und maniküre meine Nägel. Ich lasse meine Haare fröhlich wachsen und probiere neue Looks mit Pudelmütze aus. Fettiges Haar? Endlich kann ich es gesund züchten.

Wenn diese Krise uns etwas schenkt, dann Freizeit. In meiner Freizeit will ich nicht die Unterlagen in Ordner heften, den Schrankinhalt bügeln und zum zehnten Mal Staub wischen an unmöglichen Orten.

Ich möchte Müßiggang. Denn den gibt es im Leben wahrlich zu wenig.

Ich möchte Rezepte kreieren, für die ich sonst nie Zeit finde. Backen, als ob es keinen Morgen gäbe. In der Badewanne Spielfilme schauen und mit den Kindern jedes verdammte Brettspiel in der Wohnung durchspielen. Ich möchte mit ihnen lernen, ohne Zeitdruck. Mit ihnen lachen und streiten und sich versöhnen.

Seit ein paar Tagen oder eher Nächten, träume ich sehr aktiv. Für mich ein Zeichen der Veränderung. Plötzlich ist Schlaf nicht nur Erholung, sondern kreative Schaffenspause.

Wenn ich mir meinen Tag mit Putzen und Sortieren füllen möchte, ist das ok. Es ist aber auch vollkommen ok sich endlich mit aller Lust um sich selbst zu drehen. Wann hatte der Tag denn tatsächlich zuletzt 24 Stunden?

700

Vor ein paar Tagen sah ich auf meinen Kontostand. Soweit so gut, ich lebe nicht über meine Verhältnisse. Shoppen macht sowieso keinen Spaß mehr und die Cafés und Restaurants locken derzeit nicht mit Angeboten. Wer möchte in der Krise schon Geld ausgeben?

Beim Blick über meine Einnahmen und Ausgaben der Schock. Ich hatte im März nur etwas mehr als siebenhundert Euro verdient. Die Kündigung meines alten Jobs und der Neubeginn in der schlechter bezahlen Stelle führten automatisch in die Armut. Mein Herz begann zu rasen.

Ich hatte ironischer Weise kurz darauf einen EKG-Termin bei meiner Hausärztin. Da seien Auffälligkeiten festgestellt worden. Ein Gestolper und Gerenne. Mein Herz ist eben doch ein Affe.

Und so fühlte ich in mir diese Hoffnungslosigkeit. Alleinerziehende zu sein, ist natürlich nicht immer einfach, aber ich hatte mich mit diesem Leben arrangiert. Wir sind glücklich. Arm, aber sexy- heißt es doch immer.

Im Sommer sollten wir in den Urlaub fahren. Ich habe fast ein Jahr gespart und endlich gebucht. Ich schwanke zwischen Reiserücktritt (derzeit ja gar nicht so aussichtslos) und der Idee den Kindern und mir dieses bisschen Glück zu gönnen. Eine zugegebenermaßen teure Auszeit. Dem Gefühl nachzugehen Urlaub wie jeder andere verdient zu haben.

Ich habe die letzten zwei Jahre nie viel verdient. Immer knapp über tausend Euro, weil ich nur zwanzig Stunden in einem unterbezahlten Beruf arbeite. Neben diesem ich nochmal knapp zwanzig Stunden lerne, also keinen Zweitjob annehmen konnte. Meine Lage entstand unfreiwillig, weil ein Kollege mich sexuell belästigte und meine Leitung sich nicht schützend vor mich, sondern deckend hinter ihn stellte. Ich bin froh den Job gewechselt zu haben, aber bereits eine Einbuße von nur 135 Euro tat mir als Mama weh. Ich überlegte wo ich noch sparen könne. Wir essen sowieso schon wie die Spatzen und das meiste kaufe ich beim Discounter. Sind wir mal ehrlich, für Bio reicht das Geld eben nicht, was soll also der Stolz? Auch kaufe ich mir eben längst keine Klamotten mehr, aus pragmatischen Gründen und bewusster Entscheidung. Meine Kinder wachsen dennoch. Sie brauchen Kleidung, Schulzeug, Nahrung und wollen hin und wieder einfach etwas Urlaub, Spaß und Unterhaltung.

Als ich mich damals für meine Kinder entschieden habe, habe ich mich zeitgleich für ein entbehrungsreiches Leben entschieden. Junggesellen leben definitiv besser. Keiner mit dem es das Gehalt zu teilen gilt. Alleine in den Urlaub fliegen, manche meiner Kommilitonen machen das mit ihrem Gehalt dreimal im Jahr.

Ich möchte in der Krise nicht verdrängen, dass es derzeit vielen Menschen so geht. Wenn ich aber bedenke, dass es uns schon immer so ging, wird mir übel. Vor Corona war wenigstens das Mittagessen der Kinder gesichert. Es gab zwei Mahlzeiten zusätzlich für ein Kind in der Kita und das große Schulkind war ebenso versorgt. Jetzt stelle ich fünf Mahlzeiten pro Tag zur Verfügung und versuche die Kinder abwechslungsreich und gesund zu ernähren, so lange der Supermarkt dies noch hergibt. Je mehr Menschen hamstern, umso schwerer wird es für uns. Oftmals verzichte ich inzwischen sogar auf Essen, damit die Kinder noch einen Nachtisch bekommen.

Als wir neulich Ostern zwei Wochen vorverlegten, waren die Kinder happy. Ich auch. Denn ich hatte ihre Geschenke bereits gekauft, als ich noch dreihundert Euro mehr im Portemonnaie hatte. Ich sah ihre strahlenden Augen und dachte so müsste es immer sein. Keine Sorgen und jede Menge Gelassenheit.

Die Realität ist anders.

Alleinerziehende sind der Dreck unter den Schuhen der Gesellschaft. Stigmatisiert, verlassen, verleumdet.

Ich wünschte mir es wäre anders. Ich wünschte mir, ich hätte mich manchmal bewusst gegen Kinder und gegen einen Beruf im Sozialwesen entschieden. Für einen Managerposten, für eine Karriere.

Ich wünschte manchmal so sehr, es wäre leichter.

Gestern sagte mein Kind:“Ich möchte niemals Kinder haben.“

„Warum?“,fragte ich müde.

„Weil es hart sein muss. Vermutlich wäre mir dieses Leben zu anstrengend.“

Mein Herz begann wieder zu stolpern.

KINDER UND DER BÖSE WOLF

Oliver Pocher und seine Frau machen das was viele derzeit in Isolation machen, sich langweilen. Sie nutzen ihre Zeit und Reichweite allerdings relativ sinnvoll und geben uns ein ungeschöntes Bild der großen bunten Welt des Internets, bzw. Instagrams.

Gestern ging es dann um das sehr ernste Thema Pädophilie. Erwachsene die Kinder lieben, wenn wir es genau nehmen. Tatsächlich geht es aber oft nur um Macht. Der Erwachsene gegen das Kind. Erfahrungen gegen Nichterfahrungen. Adultismus und noch darüber hinaus.

Ich bin übrigens auf einer anderen Seite auf Pochers Themenbeiträge gestoßen und war erst etwas verwirrt. Dort postete eine junge Mutter diese Beiträge und rief zur strengsten Umsetzung des Kinderschutzes auf. Soweit so toll. Sie brüstete sich auch gleich damit, dass ihr Kind nicht auf Instagram stattfand. Bei über 7000 Followern eine große Verantwortung, der sie anscheinend gerecht würde. Wenn man aber genauer recherchiert auch nur Doppelmoral und Spitzfindkeit, um andere zu diskreditieren und sich selbst auf ein Trittbrett zu stellen.

Auf Twitter finden wir nämlich leider noch immer viel zu viele Infos über ihr Kind. Generell neigen online viele Menschen dazu ihre Kinder immer dann emotional vor den Karren zu spannen, wenn sie Geld benötigen, etwas von ihrer Wishlist brauchen oder eben Klicks erhoffen. Mitleid zieht, genau wie niedliche Kinderfotos. Nun weiß ich von eben jener Person und insbesondere ihrem Sohn, dass dieser eine Po-Dusche benötigt. Er sei behindert. Überhaupt findet er nur durch seine Behinderung auf ihrem Account statt. Und so sehr ich es schätze über den Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen zu hören, zu lesen und zu erfahren, umso anstrengender empfinde ich es, über ihre Eltern informiert zu werden. Als hätten sie keine Stimme, kein Anrecht auf Privatsphäre oder Schamgefühl. Als sei dieser Teenager nicht in wenigen Jahren erwachsen und möglicherweise selbst Teil dieser Maschinerie und nun findet er hier statt, durch unsere Augen und in eine Form gegossen von seiner Mutter.

Ea fällt noch immer vielen Menschen, insbesondere Eltern, schwer zu glauben, dass ihre Kinder auch online Rechte haben. Dass jede unserer Handlungen auch Folgen nach sich ziehen kann. Nicht alles was wir teilen wollen, müssen wir auch online mitteilen. Dafür gibt es Freundschaften, Partner, Eltern, meinetwegen Nachbarn. Es gibt Therapeuten und die Seelsorge. Irgendwelche fremden InternetuserInnen sind nicht unsere Freunde, schon gar nicht die unserer Kinder. Sie mögen uns inspirierend erscheinen und manchmal an Bedeutung gewinnen, aber bei einer unüberschaubaren Followerzahl ist das definitiv nicht mehr gegeben.

Gebt euren Kindern endlich das vollumfängliche Recht für sich selbst zu sprechen oder gar nicht. Zeigt die Mutterschaft auf. Erzählt lustige Anekdoten, wenn ihr euch damit wohl fühlt, aber lasst ihnen um Himmelswillen eine Chance als etwas anderes wahrgenommen zu werden, als das Bild, welches ihr von ihnen hier zeichnet.

Der böse Wolf sind mitunter nicht die Fremden. Manchmal ist es die eigene Mutter die dich zum Fraß vorwirft.

INTRO

Menschen lachen oft, wenn ich ihnen erzähle, dass ich eigentlich ein sehr introvertierter Mensch bin. „Was du? Ja, ja, schon klar!“.

Sie verstehen nicht wieviel Mühe es mich kostet zu lachen, zuzuhören und zu versuchen ihren Gedanken zu folgen. Welch Kraftakt dahintersteckt, mich für sie zu interessieren, ihnen Raum zu geben und mich nicht wegzuwünschen. Weder bereiten mir Smalltalk noch verbindende Rituale etwas. Ich muss nicht stundenlang mit Menschen auf einer Party trinken, um mich ihnen nahe zu fühlen. Es braucht meiner Meinung nach keinen täglichen Austausch in Wort und Tat, um gesehen zu werden. Mir genügen schon wöchentliche Treffen mit den allerliebsten Leuten und monatliche Berichte von denen die mir weniger nahe stehen. Mein Speicher füllt sich auf, hält eine Weile vor und wenn er leer ist, fühlt es sich an wie fahren auf gummilosen Auroreifen.

Diese Zeiten aktuell geben mir Ruhe und Raum um genau dies noch einmal zu spüren. Nachbarn, Freunde, Familie. In wohldosierter Form reicht mir der Umgang wie er jetzt ist. Würde ich dazu wieder arbeiten gehen, meine Kommilitonen zweimal wöchentlich an der Fachschule treffen und all diese Kinder um mich herumwuseln sehen, müsste ich jetzt feststellen: ich betrüge mich und alle anderen selbst.

Ich wusste schon all die Jahre zuvor das etwas nicht stimmte. Ich arbeite nicht gerne in Teams, ich hasse es mich unterordnen zu müssen, mag keine Aufmerksamkeit, zumindest keine übertriebene. Ich bin gerne alleine. Alleine spazieren, alleine abends in meinem Bett liegend etwas lesen, alleine in der Badewanne unter Wasser tauchen und dem Rauschen zuhören. Nur die Kinder wimmeln draußen herum und geben mir sowas wie Lebendigkeit. Unfreiwillig und doch schön.

Aber die Lautstärke der Großstadt, die vermisse ich nicht. Die vielen Verpflichtungen, die sind mir ganz fremd geworden. Die tausend Schritte durch enge Straßen, vorbei an lauten Autos, gestressten Mitmenschen, die verabscheue ich zutiefst.

Wenn mir diese Zeit etwas gibt, dann die Möglichkeit ich selbst zu sein. Leiser. Konzentrierter. Alleine.

Ich lerne besser, ich arbeite schneller, ich kann meinen Kindern eine bessere Mama sein. Ich melde mich wo ich mich melden möchte und ignoriere die Menschen die mich jetzt aus meiner Distanz heraus stören würden. Ich gehe in mich und zum ersten Mal ist da kein Lärm. Keine Angst. Keine Wut. Keine Sorge sie alle lesen zu müssen, lächeln zu müssen, Kräfte zu mobilisieren.

Ich schätze so geht es derzeit vielen Menschen. Die die sich noch nicht kannten, lernen sich jetzt völlig neu kennen.

Meine Grüße gehen raus an alle Introvertierten! Wir waren noch nie so wenig allein!

BISSCHEN MEHR REALITÄT UND MITGEFÜHL

„Bleibt drinnen!“ Überall prangen nun Schilder. Im Netz schimpfen Menschen auf andere Menschen. Spielplätze werden misstrauisch beäugt. Na, wieder jemand zu dritt unterwegs? Na, wieder jemand der lachend mit dem Kind über die Wiese tollt?

Dann greifen wir zur Tastatur und lassen unsere Wut und eigentlich ist diese nur basierend auf unserer Angst, freien Lauf. Es wird gemotzt, angeprangert und sich gegenseitig beschuldigt nicht genug zu tun.

Natürlich ist auch der Schrei nach einer Ausgangssperre nicht fern. In China hat man es ja vorgemacht. Ausgangssperren helfen. Nur wollen wir einander wirklich die Köpfe einschlagen? Es ist einfach zu lästern, anderen etwas anzulasten, ohne den Hintergrund zu kennen.

Geht jemand raus, weil er in seiner Einraumwohnung demnächst an Trombose stirbt? Eilen Mutter und Kind über den Spielplatz, weil der gewalttätigige Vater zu Hause erst Recht für Schrecken sorgt? Haben Teenager keine Ahnung wohin mit sich, weil die Pubertät als Lebenskrise sich nun mit absoluter Unsicherheit paart? Sind Familien, aber insbesondere Singles momentan am Rande des Wahnsinns, weil Vorräte zur Neige gehen, Jobs auf dem Spiel stehen und Nähe und Freiraum nun einmal menschliches Bedürfnis Nummer eins sind?

Es ist eine neue Situation für alle von uns. Krankheiten sind nicht neu, aber eine weltweite Epidemie, sowas gab’s lange nicht. In unser aller Köpfe dreht es sich nun um Corona. Nichts anderes dominiert noch die Nachrichten. Damit müssen die einzelnen klar kommen wie die Massen. Manche tun dies auf falschem Wege, aber die meisten geben sich Mühe. Sie kämpfen, halten sich drinnen, tapfer eine Struktur herstellend und eine Substanz zu schaffen, wo lange Oberfläche Vorrang hatte.

Geben wir den Leuten kein fuck you mehr auf ihren Weg. Halten wir sie nicht emotional auf Abstand. Sagen wir einander: es ist hart und es ging schnell. Niemand muss sofort wissen wie es richtig geht. Niemand muss die Erwartungen aller erfüllen.