EINE KLEINE HORRORSHOW

Hervorgehoben

Ihr wolltet schon immer wissen wie es ist, wenn ihr oder eure Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Stammbaums, einer Behinderung oder sexuellen Präferenz des Landes verwiesen werdet/n? Na dann Gratulation! In ein paar Jahren dürfen wir hautnahe erleben, wie es ist sich diskriminiert zu fühlen und seine Liebsten als unwertes Leben abgestempelt und verurteilt zu sehen.

Noch keine Angst, weil es euch nicht betrifft? Klasse! Dann zeichnen wir mal weiter unsere kleine Diktatur.

Ihr seid jetzt Anfang zwanzig und eure größte Sorge ist, der eingewanderte Nachbar könnte euch Job und Freundin klauen. Angenommen die Freundin ließe sich nicht rauben und die Postbotenstelle sei euch sicher, weil man dafür nach wie vor einwandfrei Deutsch in Wort und Schrift beherrschen müsse (Hust..na, bei wem drückt hier schon der Schuh?). Wie ginge es in einem Horrorfilm jetzt weiter? Genau. Ihr heiratet, weil das die deutsche neue alte Tradition so vorschreiben wird und zeugt ein bis zehn blonde Engel. Leider wird eines mit einem Gendefekt geboren. Abtreibungen sind per Gesetz seit der letzten Vereidigung des neuen Bundeskanzlers (natürlich ein fetter weißer Kerl) verboten und eurer Baby kommt zur Welt. Noch im Krankenhaus beginnt ihr dieses Kind zu lieben. Es ist klein und das gleiche rote Blut eurer Familie fließt durch seine Adern, ABER! Es muss weg. Die neuen Gesetze verbieten unwertes Leben. Hier wird sortiert, noch bevor ihr richtig Abschied nehmen konntet. Eine Krankenschwester nimmt das Bündel Leben vom Bauch der Mutter und niemand sagt euch wohin es verschwindet.

Vielleicht seid ihr sogar froh. Ein hungriges Maul weniger. Die Schande blieb euch erspart und die lebenslange Verpflichtung ebenso. Zu blöd, eure Familie und Nachbarn wissen Bescheid. Sie schämen sich, nur wenige haben genug Mitgefühl.Die Welt ist eine andere seit damals. Kaum Mitleid und diese Härte in allen Gesichtern.

Ihr wohnt in einer Großstadt. Dort gibt es noch viele Homosexuelle. Früher war die Stadt bunt und es wurde viel gefeiert. Heute grenzt die Stadt an ein Musterbeispiel von Zucht und Ordnung. Nur die grölenden Massen glattköpfiger Idioten, die tatsächlich genauso gerne Frauen betatschen und Flaschen werfen, sind noch da. Bereit Ärger zu machen. Sie greifen zunächst euren schwulen Onkel Karl an. Er kommt mit einem blauen Auge davon, aber ihr seid Zielscheibe politischer Konsequenzen. Ihr müsst zum Appel antreten und erklären, in welcher Beziehung ihr zu diesem Schandfleck steht. Heimlich denkt ihr an noch fünf weitere Bekannte und Freunde aus dem engsten Kreis, die ebenfalls gerne Muschis lecken und Schwänze lutschen. Früher, in der Uni, habt ihr ja selbst mal experimentiert. War nix für euch, aber dafür auf’s Maul? Bisschen viel.

Ihr geht zur Arbeit und seht auf der Straße plötzlich eine an der Wand stehende Gruppe Ausländer. Manche mit Kopftuch und alle mit eindeutigen Tätowierungen auf der Stirn. Früher war es das Band am Arm, heute ein nicht auslöschbarer Makel. Dieses Stigma wurde auch eurer besten Freundin verpasst. Die ist dritte Generation Russin und in ihrem ganzen Leben hat sie nie die Grenzen abseits der Stadt verlassen. Dennoch, sie gilt jetzt als Migrantin und Schmarotzerin. Raus mit ihr.

Die Ausländer an der Wand werden ruppig behandelt und angebrüllt. Die euch versprochene Idylle ist keine. Seit Monaten schreiben Polizisten Leute auf der Straße an und marschieren durch die Parks. Sie klingeln nachts die Nachbarn wach und knüpfen sich in der Schule alles Personal vor, welches anders gewählt hat. Die Stadt wird enger. Euer Land wird nicht ruhiger und übersichtlich. Es wird bedrohlich und böse. Wer der Feind ist, stand bereits im Wahlprogramm, aber ihr wolltet es nicht lesen. Alles Schnickschnack.

Apropos lesen. Eure Lieblingssender sind alle tod. Fernsehen wie es einst einmal war, musste genau wie die Pizza, der Döner und natürlich McDonald’s weichen. Heute steht Heimatpflege an. Deutsches Essen. Deutsche Kultur. Wenn ihr Kultur noch definieren wollt, dann ist das die Zeit eurer Urgroßeltern und älter. Seit ihr lebt, gab es Multikulturelle Einflüsse und ihr habt sie gerne genutzt. In Frieden gelebt und geliebt. Gegessen und gesagt was ihr wolltet. Manchmal wütend gepöbelt und im Wissen um eure Freiheit die ein oder andere Demo genossen, genau wie einen Joint auf der Fensterbank. Ihr habt öffentlich geknutscht und wenn ihr psychologische Betreuung nach heftigem Liebeskummer hattet, wurde niemand des Landes verwiesen. Heute ist das anders. Heute seid ihr Verbrecher, weil ihr eurem Staat schadet. Ihr seid dafür da Geld zu verdienen und in eurer Freizeit Kinder zu zeugen. Ob das je eurer Ziel war oder ihr eigentlich lieber mit dem Motorrad die Küsten Europas abgefahren hättet, spielt heute keine Rolle mehr. Eure Reisen beschränken sich nun auf das Inland.

Nach drei Jahren Schwermut klingen die Sirenen. Sie sind installiert worden, nach vierzig Jahren Abriss. Ihr rennt heute nicht mehr in den Keller runter. Sollen sie euch doch heute erwischen. Ihr seid es Leid. Zur Schule geht sowieso keiner mehr und eure Jobs sind dem Militärdienst gewichen. Eure Frau ist neulich gestorben, als eine Granate sie erwischt hat. Eure Kinder sehen aus wie müde kleine Zombies. Grüne Wiesen sind den oberen zehntausend vorbehalten. Aller Reichtum dient der Elite.

Ihr seid aber der Pöbel. An euch denkt heute genauso wenig jemand wie damals. Damals gab es diesen kurzen Moment, in dem es wichtig war eure Stimmen zu gewinnen. Diese elende Wahl, als euer Kreuz an falscher Stelle saß. Als die Demokratie dazu verhalf eine Diktatur zu schaffen.

Ihr geht durch die Trümmern und denkt an die Freiheit zurück, die euch damals dazu brachte den falschen Schritt zu gehen. Ihr seid müde. Ihr seid endlich wach.

UNSERE SCHÄRFSTEN KRITIKERINNEN

Hervorgehoben

Neulich habe ich einen Text zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelesen. Inzwischen werden diese immer kritischer und entlarven was wirklich schief läuft in einer Gesellschaft zwischen Leistungsdruck und Überlebenskampf. Ich erwischte mich dabei, wie ich die Worte der Texterin anzuzweifeln begann. Sie war Journalistin und Alleinerziehende. Mitten in der Arbeit, kam der uns allen bekannten und verhasste Anruf „Kind abholen“. Sie fuhr dann mit dem Taxi los und konnte auch drei Tage später ihre Deadline für eine Abgabe nicht einhalten. Innerlich rührte sich etwas in mir. Würde mein Chef verstehen, wieso ich drei Tage einfach nicht zur Arbeit kam? Würde ich mir ein Taxi leisten (können), wenn mein Kind aus Kita oder Schule abgeholt werden müsste? In beiden Fällen ein eindeutiges Nein.

Doch dann fragte ich mich, wieso ich mich über eine andere Person stelle, denke sie sei ja noch gut bei weggekommen. Ist sie nicht. Sie ist frustriert, verängstigt, gestresst und genervt wie ich. Sie ist ratlos und suchte ein Ventil. Für sie ist dieser Spagat genauso spürbar wie für mich, ob mit Haushaltshilfe oder ohne. Und ich wette selbst mit Partner oder einem Netzwerk aus Freunden und Familie, hätte jemand da draußen einen Grund zu klagen, weil es schwer sein kann und weil nichts so viel Flexibilität fordert, wie Beruf und Familie zugleich zu meistern.

Die Kritikerin in mir, wusste um meinen Tagesablauf. Ich wusste wann ich aufstehen muss und mich endlich wieder hinlegen darf. Ich wusste aber gar nichts von ihr da draußen. Ihre Sorgen und Ängste sind nicht kleiner und nicht deutlich anders. Sie ist ich. Ich bin sie. Ich wünsche ihr Kraft und Lebensfreude genug, um sich immer wieder aus ihrer stressigen Situation befreien zu können. Ich wünsche ihr nur das Beste. Ob im Bus oder im Taxi sitzend.

STEHT AUF UND SINGT

Ich habe ein wenig mit mir gerungen. Zu viele Texte über Grönemeyer und seine kurze Ansprache ans Publikum in Österreich, habe es die Tage gegeben. Zu viele? Nein! Aber zu viele in die falsche Richtung!

„Kontrovers“ nannten sie seine Rede. Ich sage: mutig!

Wer heute wieder aufsteht für seine Mitmenschen und gegen den Hass, die Diskriminierung und Wut, gegen Rassismus und den Wahn, der ist mutig und weise. Der hat aus der Vergangenheit gelernt und kann mit Blick in die Zukunft sagen, Rechts geht immer schief. Egal ob für die Politik, die verfehlte, selbst und all ihre MitstreiterInnen oder für alle die unter ihr leiden mussten.

Grönemeyer hat schon immer seine Vorbildfunktion genutzt, um sich gegen rechte Strömungen stark zu machen. Er steht vor einem riesigen Publikum und alle echten Fans dürften um seine Haltung und seine Werte wissen. Dies jetzt zu ignorieren, so zu tun, als sei dieser Mann und Künstler gerade eben über eine Form der Marktlücke und einen Trend gestolpert, hat Journalismus verpennt, sollte nochmal die Uni drücken und weiß zum Thema Popkultur schon einmal gar nichts zu sagen. Es bedarf nicht einmal eine besonders politische Haltung oder ein Interesse, um sich über Grönemeyers Ansichten zu bemühen. Er stand schon immer für den gesunden Menschenverstand und gegen alles was einschränkt und den Hass heraufbeschwört. Ob mir die Musik gefallen muss? Natürlich nicht. Nicht einmal seine Nase muss mir gefallen, aber ich erkenne seinen Mut an. Seine unbedingte Kraft sich gegen eine aufkommende, bereits drohende, rechte Richtung zu wehren und alle daran teilnehmen zu lassen.

Er erkennt seine Verantwortung und das mehr als alle PolitikerInnen es je konnten. Er aktiviert ihre Synapsen und appelliert an Mitgefühl, Liebe und Gemeinschaft. Zusammen sind wir viele. Viel mehr in Frieden als in Hass!

Ich wünsche mir noch mehr MusikerInnen dieser Art. Politik in der Musik gab es schon immer. Die Ärzte, die Toten Hosen uvm. Die ganzen jungen Bands der 90er und später, aus deren Popfedern wunderbare politische Nummern kamen. Singt! Singt wieder gegen die an, die euch demnächst verstummen lassen wollen. Wir lassen uns das Singen nicht nehmen!

Danke Herbert!

I CARE

Ich habe zwei Kinder. Beide mehr oder minder alleine großgezogen. Schon in den Beziehungen zu ihren Vätern.

Jetzt gibt es immer wieder Stimmen die für das Wechselmodell nach einer Trennung sprechen und Frauen die behaupten, Alleinerziehende sei man erst, wenn auch an den Wochenenden keine zweite Person aushelfen könne.

Ich halte diese Aussagen für grenzwertig.

Wie überall sollte der Einzelfall entscheiden. Nicht jedes Kind braucht einen Elternteil, der gewalttätig oder sorglos ist. Einen Elternteil, der keine Ahnung hat und auch nicht haben möchte. Einen Elternteil, der sich nur Elternteil schimpfen kann, weil das Genmaterial ihn dazu macht.

Wie viele Väter haben beispielsweise kaum Interesse an einer 50/50 Regelung und wie viele Väter hatten während der gemeinsamen Zeit schon kaum Lust auf Haushalt, Erziehung und Beziehungspflege? Wie viele Väter kennen die Blutgruppe ihres Kindes, wissen um Allergien und wie der beste Freund des Sprösslings heißt? Welche Musik läuft aktuell am liebsten im Kinderzimmer und welches Essen darf in der Brotdose nicht fehlen? Wer animiert das Kind zu den Hausaufgaben und hat schon jemand das Geschenk für Oma gebastelt? Also wenn Väter sich um all das und noch mehr mühen, steht dem Wechselmodell nichts im Weg. Sonst ist das reines Rachegeblubber. Der Trend sich trotz wiedersprüchlichem Gebaren vor Richter und Jugendamt, auf das Kindeswohl zu stützen, dabei aber keinen Unterhalt zahlen zu wollen und auch Jahre zuvor niemals selbst Winterschuhe oder Badehose gekauft zu haben. Die fixe Idee das Kind nun aber sehen zu wollen, allerdings zu vergessen, dass sehen auch spielen, pflegen, versorgen, umsorgen und schützen bedeutet. Wer war die Jahre zuvor zu Hause, wenn Fieber und Schnupfen plagten? Wer saß auf dem Amt und hat den Hortplatz beantragt, die Kita erstritten und auf dem Spielplatz Äpfel aus der Büchse gezaubert?

Wer hat seinen Job hinten angestellt und wusste die Rente wird’s später danken?Nicht.

Und welche Frau erinnert sich nicht noch mit schaudern an den Mann, der von der Arbeit kam, sofern er einen Job hatte, behauptete er sei müde und hungrig, weshalb die Kinder nun warten müssen? Welche Frau hatte nicht schon mal das Gefühl sowieso alles alleine machen zu müssen und nun auch noch neben einem Mann zu leben, der durch einen durchsieht, keine Ahnung hat wann der Jahrestag sei oder die Kinder Geburtstag haben? Welche Frau weiß nicht, um die Demütigung, weil der Mann denkt sein Mittagschlaf sei wichtiger als ihrer und der Kaffee stünde morgens ganz alleine auf dem Tisch?

Alleinerziehende die alle zwei Wochenenden ihre Kinder zu den Vätern geben können, tun dies nicht leichtfertig. Sie wollen sich nicht schämen für die freien Tage oder zurück erinnern an einen lieblosen Partner. Sie haben gekämpft, anfangs für die Familie, später für den regelmäßigen Umgang. Die Zeit nach der Trennung, wenn viele Väter behaupten das Kind sei bei der Mutter besser aufgehoben. Wenn viele Väter nicht wissen wann die Kita Schließzeiten hat und ihren Urlaub nicht flexibel umbuchen können. Wenn viele Väter hoffen, die Großeltern springen an den Wochenenden ein, weil Kinder erziehen doch nicht so einfach ist. Wenn viele Väter sich fix eine neue Partnerin suchen, die an besagten Wochenenden mit dem Kind Eis essen geht und die Wohnung putzt.

Ich weiß um meine Stärke und ich kenne den beschwerlichen Weg dorthin. Ich sehe tagtäglich Freundinnen auf gleichem Weg kämpfen. Gegen Männer die ihre Kids nur alle paar Wochen einen halben Tag nehmen wollen. Gegen ein Stigma das aus ihnen Rabenmütter macht. Gegen den Ruf der Luxusmamis, die ja arbeiten gingen und sich dann ständig Pausen gönnen wollen. Für ihre Kinder und ihr eigenes Leben.

Alleinerziehende sollten aufhören sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Und sie sollten zukünftigen Alleinerziehenden nicht sagen diese hätten es ja so gut mit Partner im Hause. Nein, haben sie bisweilen nicht! Noch ahnen sie es nur, aber bald werden sie es wissen. Der Partner ist Scheiße und sie erledigen diesen gottverdammten Job alleine.

Und zwar gut.

PESSIMISMUS VERERBEN

Manchmal fällt es schwer unsere Kinder nicht wie beste Freunde zu behandeln.

Schlimmer noch, wir geben ihnen so manches Erbe mit auf den Weg, welches doch lieber hätte in unserem Besitz bleiben sollen.

Unsere pessimistischen Gedanken auf die Welt und die Menschheit.

Kinder kommen in erster Linie fröhlich und unbeschwert zur Welt. Sind sind neugierig und freuen sich auf alles was da kommt. Studien haben belegt, dass Kinder die nicht umsorgt werden, einfach irgendwann sterben. Geht recht schnell und hat dem Thema frühkindliche Zuwendung einen Bärendienst erwiesen.

Da wird gekuschelt, gelacht und gespielt. Manche übertreiben es bei der Förderung etwas, aber im Idealfall hilft es dem Kind mehr als es schadet.

Was hingegen gar nicht geht, ist der Umgang auf sehr erwachsene, nicht altersgerechte Weise. Damit meine ich nicht, Kinder wie Babys zu behandeln, auszuschließen oder ihnen ständig die heile Welt vorzugaukeln. Es geht um einen fairen Umgang die Welt selbstständig zu entdecken, ohne ihnen unseren düsteren Stempel der schlechten Erfahrungen aufzudrücken.

Jetzt mag man denken, wir können ja nicht alles Leid von ihnen fern halten. Wir können doch nicht den Kindern zu Liebe auf Authentizität verzichten oder zum Heulen in den Keller gehen. Alles richtig. Es muss aber einen Mittelweg geben. Eine Idee davon, was es mit Kindern macht, wenn sie bereits im zarten Alter denken alle Menschen seien blöd, schlecht oder barbarisch.

Wie sollen wir Kinder für eine Welt öffnen, sie Akzeptanz lehren, ihnen zeigen das Mut und Miteinander wichtige Eckpfeiler sind, wenn wir selbst eingesperrt in Vorurteilen leben? Wir sind ihre Vorbilder. Wir sind die, von denen sie lernen. Sie schauen uns dabei zu, wie wir die Welt und das Leben begreifen. Sie beobachten genau, wie wir mit anderen umgehen.

Ich kann noch so oft predigen es sei wichtig ein guter, mitfühlender und hilfsbereiter Mensch zu sein, wenn ich nach außen völlig anders handle. Ich kann noch so oft für Toleranz und Nächstenliebe einstehen, wenn ich anderen gegenüber bösartig oder zynisch bin. Meine Absichten mögen in der Theorie funktionieren, aber in der Praxis läuft gar nichts. So etwas sehen Kinder und werden uns schnell nacheifern. Sie sind nicht die Zukunft, sie sind die Gegenwart. Neben uns stehend, zu uns anfangs aufsehend, gestalten sie jetzt schon mit uns.

Manchmal ist es wichtiger durch ihre Augen zu sehen. Zurück zu blicken in unsere Kindheit. Frei von Wut und Angst. Als wir noch neugierig und freudig waren. Als die Welt nicht erschien wie ein Ort des Zorns. Als wir auf Zuwendung hofften und Geborgenheit bekamen.

SCHEMATHERAPIE

Heute habe ich auf Twitter wieder die Empörungswelle kommen sehen. Jemand hat einer traumatisierten Freundin geraten sich ihrem Trigger auszusetzen, bis es kein Trigger mehr sei. Natürlich eine verkürzte Darstellung, denn Twitter bietet in 280 Zeichen (+-) wenig Raum die ganze Geschichte zu erfassen, geschweige denn beide Seiten anzuhören.

Stattdessen wurde von eben jener Person allen Lesern und Leserinnen empfohlen den Mund zu halten, wenn sie keine Ahnung hätten und Opfern von Gewalttaten weder Tipps zu geben ihr Trauma zu überwinden, noch auf Trigger zu setzen, als Abhärtung gegen das Geschehene.

Ich sage, weder A noch B sind verkehrt oder richtig.

Je nach Mensch, Erlebtem und augenblicklicher Situation, je nach Kontext und Problematik, je nach GesprächspartnerIn und Umgang miteinander, ist es möglich zu einer Handlung zu raten oder sich bedeckt zu geben.

In meinen langjährigen Therapieerfahrungen musste auch ich verschiedene Therapeuten, Methoden und Mittel ausprobieren, um herauszufinden was mir hilft und gut tut. Die Schematherapie sollte schließlich nach fast vier Jahren greifen, heilen und helfen.

Und genau dort wurden meine Trigger nach und nach bedient. Zu Beginn selbstverständlich nicht. Es war ein sich Abtasten und Kennenlernen nötig. Die Trigger sind wie eine Keule. Sie können wieder etwas auslösen und den Therapierten zurückwerfen.

Nach über zwei Jahren Gespräch, Rollenspielen und Momentaufnahmen, folgte was folgen musste. Ich sollte die schlimmsten Erfahrungen aufzählen. Wie ein Rückblick und ganz ohne Hast und Eile. Es war ernüchternder als ich dachte. Keine Tränen, nur ab und an ein Kratzen im Hals und eine brüchige Stimme zur Folge.

Meine Therapeutin zeichnete einen Kreis und schrieb Ereignis für Ereignis nieder. Von meinem zweiten Lebensjahr, bis zu meinem elften. Neun Jahre Demütigung und Gewalt.

Da saß ich nun und sie kannte jedes Detail, jede Peinigung und Missetat. Ich war leererzählt. Aufgeschrieben waren es vielleicht noch etwa zwölf Vorfälle die mir direkt in den Sinn kamen, aber in meiner Erinnerung war es mein ganzes Leben.

Nach und nach brach sie jede kleine Erinnerung auf. Ich sollte mit dem für mich leichtesten Thema beginnen. Ganz klar, die körperliche Gewalt. Nicht umsonst behaupten viele Menschen, Schläge seien einfacher wegzustecken als seelische Grausamkeiten. So auch bei mir.

Ich sollte mich hineinwerfen und erzählen und am Höhepunkt stoppte sie.

Ab hier musste ich die Geschichte umdichten. Zur Heldentat. Wurde meine eigene Retterin.

Diese Form der Therapie war hilfreich und furchtbar zugleich. Ich hatte diese Stunden auf Tonband und sollte sie mir mindestens dreimal die Woche anhören. Dreimal zu viel. Ich schob es hinaus und schwindelte, wenn sie fragte wie es mir erging. Eines Tages, beim Bügeln, tat ich es. Ich hörte mir zu. Anfangs war es grausam. Dann wurde es leichter. Irgendwann war da nur noch Stimme.

Ich brach nach zwei weiteren Aufnahmen ab. Ich wollte die anderen Geschichten nicht mehr hören. Ich hatte mich begriffen und wusste nun langsam was ich kann, wer ich bin und das die Vergangenheit, so unauslöschlich, mir nicht mehr weh tun kann.

Ich weiß um die Trigger. Manchmal ärgert mich etwas und nicht selten begegne ich auf Arbeit Kindern wir mir. Heute brauche ich aber nicht mehr davonlaufen. Ich gehe darauf zu. Ich bin die helfende Erwachsene. Die starke Persönlichkeit. Nicht das Opfer, sondern die Erfahrene.

Mit meiner Kraft ist es möglich anderen zu helfen. Vorbild zu sein, wachsam zu sein, hilfreich zu werden.

Trigger ermüden. Sie sind überall zu finden. Aus Erfahrungen Gold zu machen, schafft nicht jedes Opfer. Es reißt einen zu Boden und kann einen dort festnageln. Mich nagelt niemand mehr fest.

Es gibt nicht den einen Weg und Opfern zu sagen sie seien immer Opfer, ist genauso gefährlich, wie zu behaupten es gäbe den Königsweg.

Es gibt viele Zweige, Stränge und Ideen und jeder muss für sich individuell die Lösung finden. Dabei ist Unterstützung wichtig und Zeit.

Ein Tweet kann niemals begreiflich machen, was Jahre der Therapie und des Alterns einen lehren.

DIE VIELEN PHASEN EINER TRENNUNG

Jeder hat es schonmal gehört, oft wird es belächelt, aber es gibt sie. Die sogenannten Trennungsphasen, durch die wir mehr oder weniger alle mal durch mussten.

In Sitcoms verlacht und in der Realität oft nur von außen erkennbar. Wer lässt sich schon gerne sagen, er würde das Paradebeispiel einer psychologischen Studie über Trennungsschmerz sein?

Besonders spannend wird es, wenn wir die Person gar nicht kennen. Wir also eigentlich auch kaum Mitgefühl empfinden oder uns die Fremde trennt, wo Freundschaft Zusammenhalt schafft.

Wenn Menschen im Internet sich die Blöße geben und ihre Trennung inszenieren wie ein Stück von Shakespeare, kann es schonmal grotesk lustig oder tieftraurig werden. Emotional aber auf jeden Fall.

Eben noch war das Paar glücklich. Vielleicht sogar überglücklich. Hier ein Foto gemeinsam vor dem Sonnenuntergang und da Liebesschwur um Liebesschwur, unter Tränen oder mit wildzerzaustem Haar. Hände die sich berühren oder wer es dezenter mag, kleine Emojis unter Fotos. Je öffentlicher eine Beziehung zelebriert wird, umso schlimmer das Ende dieser.

Zunächst der reale Cut, dann der virtuelle. Es wird sich nicht nur entfolgt, sondern auch jegliche gemeinsame Zeit fotografisch gelöscht.

Dann beginnt die Zeit der Trauer. Möglicherweise war da auch noch Hoffnung und der andere wird hintenrum versucht bei Laune zu halten, indem man auf die guten alten Zeiten hinweist. „Schau wie viel Spaß wir hatten!“.

Hattet ihr?

Jedenfalls ist es nun aus. Endgültig.

Endgültig bedeutet auch, nun so zu tun, als sei alles okay, obwohl nichts funktioniert. Man hat keinen Hunger mehr und kann nicht schlafen. Weint und beißt ins Kissen, hofft auf das Unmögliche. Virtuell bekommen wir davon entweder gar nichts mit (manche Menschen wollen eben nicht alles teilen oder sich selbstzerfleischen) oder wir sehen einen fast nackten Leib vor uns. Verletzt, gedemütigt, unfassbar dünnhäutig.

Es wird geweint, es wird über das Weinen geschrieben. Texte fließen aus Federn, wie Milch aus der Kuh. Jeder darf anteilnehmen und soll Aufmerksamkeit schenken, wo der Ex sie versagt hat.

Es beginnt das trauern in Leid und mündet in Selbstmitleid. „Ich armer Tropf…wieso nur?“. Wir kennen das alle.

Nach und nach wandelt sich unser Gefühl. Wir werden langsam wütend. Vielleicht auf den anderen, manchmal auf uns. Fehler einzusehen fällt jedoch in der Regel schwer. Es ist der andere der uns jetzt im Stich ließ. Wir kauen nicht länger Nägel. Wir gehen wieder aus!

Wir posten davon Bilder. Wohlmöglich werden wir ja noch heimlich beobachtet. Eins in der Wanne, eins in heißen Strumpfhosen und eins kurz vor dem Date sowie danach.

Wir tun so, als sei das alles jetzt gewollt. Unser leichtes Leben ohne den anderen. Endlich frei, endlich Single.

Wir geben uns solche Mühe authentisch zu wirken, dass man uns von außen mit Fremdscham noch schont. Liebeskummer kennt ja jeder.

Nach ein paar Dates spüren wir es wieder. Die Hoffnung auf eine Reunion sinkt. Der andere bleibt fort. Wir geben also auf und winden uns. Die Dates waren Mist. Keiner dabei der über den anderen hinwegtröstet. Der Sex war okay, aber der Geruch, die Berührung, die Stimme…alles nicht der andere.

Wir packen unseren Stolz nochmals ein. Jammern hilft. Essen uns fett, trinken uns dämlich, gehen shoppen. Ablenkung hilft tagsüber, abends sind wir traurig. Online posten wir ein paar Sinnbotschaften und wirken als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Endlich beginnt sie, die Zeit der Projekte. Wir wollen wirken. Letzte Hoffnung auf die Aufmerksamkeit des anderen ist ja noch da. Also schreiben wir etwas, was Bedeutung haben könnte. Stellen Nähe her, lassen Gemeinsamkeiten einfließen. Wir wollen dem anderen nahe sein, sei es durch eine versteckte Botschaft in einem alten Lied oder einen Lieblingspulli auf dem Selfie.

Unsere Wut kehrt langsam ein. Der andere bleibt weg. Wir haben inzwischen wieder schlechte Dates und suchen und suchen. Rastlos.

Die Wut führt zu Verallgemeinerungen. Alle Menschen sind schlecht. Insbesondere das andere Geschlecht. Alles Erlebte war ätzend. Ein Drama es nicht früher bemerkt zu haben. Nun wird es Zeit wie Phönix aus der Asche zu steigen und dem blöden Ex zu zeigen was er davon hat. Wir sind drüber hinweg!

Also wird gepostet wie glücklich wir als Singles sind. So glücklich und zufrieden.

Eigentlich sind wir allein. Wir sind noch traurig und einsam. Je weniger wir gewollt werden, umso unglücklicher sind wir. Jede Umarmung fehlt uns. Nachts ist es so still. Das Bett zu groß.

Online sind wir drüber hinweg. Wir sind stark. Emanzipiert. Niemals hilflos oder einsam.

Doch ab und an, nachts, wenn das daten nicht klappt, weinen wir wieder ins Internet. Löschen den Post morgens schnell und hoffen niemand hat es gelesen:“Ich kann nicht mehr. Ich bin so einsam.“ und geben uns zuversichtlich.

Wir posten uns wieder sexy. Begehrenswert. Jemand will uns, behaupten wir. Jedes Date ist plötzlich der potentielle Traumpartner. Jede Tür eine offene.

Wir gehen hindurch und nichts passiert. Keiner will uns. Denn wir sind noch nicht bereit. Jeder spürt es sofort. Da möchte jemand nicht für sich geliebt und kennengelernt werden, sondern für die Rache, gegen die Einsamkeit und die Bestätigung braucht ihn auch.

Alle gehen.

Und weil um uns schon seit einem Jahr alle Frühling feiern und der Ex schon wieder glücklich ohne uns ist, geben wir auf.

Wir gehen nicht mehr gerne aus. Wir verachten andere Paare. Wir setzen uns auf das Sofa und essen was wir wollen, tragen was wir wollen, sehen Filme die der andere gehasst hat. Wir hören in uns rein und erkennen uns wohlmöglich endlich.

Die Wut ist von uns auf andere übergegangen. Kommt immer wieder zurück. Prallt ab. Bleibt bestehen. Wir wollen ein Paar werden. Die Einsamkeit kotzt uns an. Wir sind noch nicht bereit…