EINE KLEINE HORRORSHOW

Hervorgehoben

Ihr wolltet schon immer wissen wie es ist, wenn ihr oder eure Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Stammbaums, einer Behinderung oder sexuellen Präferenz des Landes verwiesen werdet/n? Na dann Gratulation! In ein paar Jahren dürfen wir hautnahe erleben, wie es ist sich diskriminiert zu fühlen und seine Liebsten als unwertes Leben abgestempelt und verurteilt zu sehen.

Noch keine Angst, weil es euch nicht betrifft? Klasse! Dann zeichnen wir mal weiter unsere kleine Diktatur.

Ihr seid jetzt Anfang zwanzig und eure größte Sorge ist, der eingewanderte Nachbar könnte euch Job und Freundin klauen. Angenommen die Freundin ließe sich nicht rauben und die Postbotenstelle sei euch sicher, weil man dafür nach wie vor einwandfrei Deutsch in Wort und Schrift beherrschen müsse (Hust..na, bei wem drückt hier schon der Schuh?). Wie ginge es in einem Horrorfilm jetzt weiter? Genau. Ihr heiratet, weil das die deutsche neue alte Tradition so vorschreiben wird und zeugt ein bis zehn blonde Engel. Leider wird eines mit einem Gendefekt geboren. Abtreibungen sind per Gesetz seit der letzten Vereidigung des neuen Bundeskanzlers (natürlich ein fetter weißer Kerl) verboten und eurer Baby kommt zur Welt. Noch im Krankenhaus beginnt ihr dieses Kind zu lieben. Es ist klein und das gleiche rote Blut eurer Familie fließt durch seine Adern, ABER! Es muss weg. Die neuen Gesetze verbieten unwertes Leben. Hier wird sortiert, noch bevor ihr richtig Abschied nehmen konntet. Eine Krankenschwester nimmt das Bündel Leben vom Bauch der Mutter und niemand sagt euch wohin es verschwindet.

Vielleicht seid ihr sogar froh. Ein hungriges Maul weniger. Die Schande blieb euch erspart und die lebenslange Verpflichtung ebenso. Zu blöd, eure Familie und Nachbarn wissen Bescheid. Sie schämen sich, nur wenige haben genug Mitgefühl.Die Welt ist eine andere seit damals. Kaum Mitleid und diese Härte in allen Gesichtern.

Ihr wohnt in einer Großstadt. Dort gibt es noch viele Homosexuelle. Früher war die Stadt bunt und es wurde viel gefeiert. Heute grenzt die Stadt an ein Musterbeispiel von Zucht und Ordnung. Nur die grölenden Massen glattköpfiger Idioten, die tatsächlich genauso gerne Frauen betatschen und Flaschen werfen, sind noch da. Bereit Ärger zu machen. Sie greifen zunächst euren schwulen Onkel Karl an. Er kommt mit einem blauen Auge davon, aber ihr seid Zielscheibe politischer Konsequenzen. Ihr müsst zum Appel antreten und erklären, in welcher Beziehung ihr zu diesem Schandfleck steht. Heimlich denkt ihr an noch fünf weitere Bekannte und Freunde aus dem engsten Kreis, die ebenfalls gerne Muschis lecken und Schwänze lutschen. Früher, in der Uni, habt ihr ja selbst mal experimentiert. War nix für euch, aber dafür auf’s Maul? Bisschen viel.

Ihr geht zur Arbeit und seht auf der Straße plötzlich eine an der Wand stehende Gruppe Ausländer. Manche mit Kopftuch und alle mit eindeutigen Tätowierungen auf der Stirn. Früher war es das Band am Arm, heute ein nicht auslöschbarer Makel. Dieses Stigma wurde auch eurer besten Freundin verpasst. Die ist dritte Generation Russin und in ihrem ganzen Leben hat sie nie die Grenzen abseits der Stadt verlassen. Dennoch, sie gilt jetzt als Migrantin und Schmarotzerin. Raus mit ihr.

Die Ausländer an der Wand werden ruppig behandelt und angebrüllt. Die euch versprochene Idylle ist keine. Seit Monaten schreiben Polizisten Leute auf der Straße an und marschieren durch die Parks. Sie klingeln nachts die Nachbarn wach und knüpfen sich in der Schule alles Personal vor, welches anders gewählt hat. Die Stadt wird enger. Euer Land wird nicht ruhiger und übersichtlich. Es wird bedrohlich und böse. Wer der Feind ist, stand bereits im Wahlprogramm, aber ihr wolltet es nicht lesen. Alles Schnickschnack.

Apropos lesen. Eure Lieblingssender sind alle tod. Fernsehen wie es einst einmal war, musste genau wie die Pizza, der Döner und natürlich McDonald’s weichen. Heute steht Heimatpflege an. Deutsches Essen. Deutsche Kultur. Wenn ihr Kultur noch definieren wollt, dann ist das die Zeit eurer Urgroßeltern und älter. Seit ihr lebt, gab es Multikulturelle Einflüsse und ihr habt sie gerne genutzt. In Frieden gelebt und geliebt. Gegessen und gesagt was ihr wolltet. Manchmal wütend gepöbelt und im Wissen um eure Freiheit die ein oder andere Demo genossen, genau wie einen Joint auf der Fensterbank. Ihr habt öffentlich geknutscht und wenn ihr psychologische Betreuung nach heftigem Liebeskummer hattet, wurde niemand des Landes verwiesen. Heute ist das anders. Heute seid ihr Verbrecher, weil ihr eurem Staat schadet. Ihr seid dafür da Geld zu verdienen und in eurer Freizeit Kinder zu zeugen. Ob das je eurer Ziel war oder ihr eigentlich lieber mit dem Motorrad die Küsten Europas abgefahren hättet, spielt heute keine Rolle mehr. Eure Reisen beschränken sich nun auf das Inland.

Nach drei Jahren Schwermut klingen die Sirenen. Sie sind installiert worden, nach vierzig Jahren Abriss. Ihr rennt heute nicht mehr in den Keller runter. Sollen sie euch doch heute erwischen. Ihr seid es Leid. Zur Schule geht sowieso keiner mehr und eure Jobs sind dem Militärdienst gewichen. Eure Frau ist neulich gestorben, als eine Granate sie erwischt hat. Eure Kinder sehen aus wie müde kleine Zombies. Grüne Wiesen sind den oberen zehntausend vorbehalten. Aller Reichtum dient der Elite.

Ihr seid aber der Pöbel. An euch denkt heute genauso wenig jemand wie damals. Damals gab es diesen kurzen Moment, in dem es wichtig war eure Stimmen zu gewinnen. Diese elende Wahl, als euer Kreuz an falscher Stelle saß. Als die Demokratie dazu verhalf eine Diktatur zu schaffen.

Ihr geht durch die Trümmern und denkt an die Freiheit zurück, die euch damals dazu brachte den falschen Schritt zu gehen. Ihr seid müde. Ihr seid endlich wach.

UNSERE SCHÄRFSTEN KRITIKERINNEN

Hervorgehoben

Neulich habe ich einen Text zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelesen. Inzwischen werden diese immer kritischer und entlarven was wirklich schief läuft in einer Gesellschaft zwischen Leistungsdruck und Überlebenskampf. Ich erwischte mich dabei, wie ich die Worte der Texterin anzuzweifeln begann. Sie war Journalistin und Alleinerziehende. Mitten in der Arbeit, kam der uns allen bekannten und verhasste Anruf „Kind abholen“. Sie fuhr dann mit dem Taxi los und konnte auch drei Tage später ihre Deadline für eine Abgabe nicht einhalten. Innerlich rührte sich etwas in mir. Würde mein Chef verstehen, wieso ich drei Tage einfach nicht zur Arbeit kam? Würde ich mir ein Taxi leisten (können), wenn mein Kind aus Kita oder Schule abgeholt werden müsste? In beiden Fällen ein eindeutiges Nein.

Doch dann fragte ich mich, wieso ich mich über eine andere Person stelle, denke sie sei ja noch gut bei weggekommen. Ist sie nicht. Sie ist frustriert, verängstigt, gestresst und genervt wie ich. Sie ist ratlos und suchte ein Ventil. Für sie ist dieser Spagat genauso spürbar wie für mich, ob mit Haushaltshilfe oder ohne. Und ich wette selbst mit Partner oder einem Netzwerk aus Freunden und Familie, hätte jemand da draußen einen Grund zu klagen, weil es schwer sein kann und weil nichts so viel Flexibilität fordert, wie Beruf und Familie zugleich zu meistern.

Die Kritikerin in mir, wusste um meinen Tagesablauf. Ich wusste wann ich aufstehen muss und mich endlich wieder hinlegen darf. Ich wusste aber gar nichts von ihr da draußen. Ihre Sorgen und Ängste sind nicht kleiner und nicht deutlich anders. Sie ist ich. Ich bin sie. Ich wünsche ihr Kraft und Lebensfreude genug, um sich immer wieder aus ihrer stressigen Situation befreien zu können. Ich wünsche ihr nur das Beste. Ob im Bus oder im Taxi sitzend.

DIE MENSCHENQUOTE

Hier beginnt jetzt der Marathon auf die Schulanmeldung meines ältesten Kindes.

Die Zeugnisse im Gepäck und eine Empfehlung, die mir momentan wenig Mut macht. Es ist wie es ist.

Parallel lese ich vom Wiederaufleben der Frauenquote. Zumindest in Gedanken einiger PolitikerInnen. Und ja, ich bin eine Freundin dieser Quote, da ich die Ungleichheit sehe, wenn nicht in meinem Beruf, dann doch in vielen anderen. Und ich bin auch für eine Quote für Menschen mit Beeinträchtigungen. In unserer Gesellschaft scheint es entweder kaum Behinderungen zu geben oder sie werden nicht sichtbar gemacht. Eine Quote würde die Inklusion ein Stück weit erzwingen. Zwang ist Scheiße, ich weiß, aber etwas das tausende von Jahren die Chance hatte zu reifen, wachsen und gerecht zu werden, ohne jede Form der Einwirkung, kann getrost als gescheitert dem Zwang zum Opfer fallen. Soft-Zwang noch dazu. Es werden ja nicht plötzlich fünfzig Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzt. Es werden ja nicht plötzlich überall Frauen aufgestellt, wo vorher einhundert Prozent Männer saßen.

In sozialen Berufen ist es schon länger Usus die Stellenanzeige mit dem schönen Satz „aus paritätischen Gründen stellen wir derzeit Männer bevorzugt ein“. Hier wird sich kaum einer diskriminiert fühlen, denn die Tatsache, dass es zu wenig männliche Erzieher und männliche Pfleger gab, machte hellhörig. Wer sein Kind nach dreizehn Jahren geballter Frauenpower in Form von weiblichen Pädagoginnen in die Welt wanken sieht, ahnt woher der Gedanke stammt auch Männer in vermeintliche „Frauendomänen“ zu setzen.

Vor Jahren ging ein Aufschrei durch dieses Land, als auch Frauen in die Bundeswehr strebten. Freiwillig. Nun mag ich das als Pazifistin zwar unverständlich finden, aber dies gilt dann für den Menschen im allgemeinen und nicht die Frau im besonderen.

Heute kräht kaum noch ein Hahn danach. Frauen auf allen Bannern der Bundeswehr- Kampagnen und Frauen in der Polizei sowie Politik. Ein steiniger Weg bis dahin, aber er wurde gegangen und erfüllte seinen Zweck. Es wurde gearbeitet. Alle ziehen an einem Strang. Alleinerziehende konnten unabhängiger werden. Niemand war mehr gezwungen seine Frau und Kinder alleine zu versorgen.

Nun sehe ich dennoch Chancenungleichheit. Zunächst der Schwank über die vielen Bürger unseres Landes die in welcher Generation auch immer einen Migrationshintergrund haben. Ihre Bewerbungen sind auf dem Arbeitsmarkt dritte Wahl. Sie werden aussortiert oder weniger ernst genommen. Diskriminierung in Reinform. Braucht es auch hier eine Quote? Unbedingt! Schöner wäre selbstverständlich das Selbstverständnis. Wer arbeiten möchte und die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt, ist drin. Die Probezeit wird außerdem richten, ob der oder die neue Kollege/Kollegin ins Team passt.

Nun aber zurück zu meinem Kind.

Bei der Anmeldung raunte man mir indirekt zu, selbst Schulen jenseits des Abiturs hätten in meinem Bezirk einen inoffiziellen Notenschnitt von 1,9. Ich war fassungslos. Der Berliner Senat gibt andere Richtlinien vor, die Schulen umgehen sie bewusst. Der Mangel an Schulen und Personal macht es möglich zu sortieren.

Es braucht also scheinbar auch eine Quote zur besseren Durchmischung von Kompetenzen, Noten, Menschentypen. Diversität ist das Zauberwort.

Natürlich sind Noten heute genauso wichtig wie ein gepflegtes Erscheinungsbild, der unbedingte Wille Karriere zu machen, einen blaublütigen Verwandten und ein Bankkonto in der Schweiz. All das hilft bei der Entscheidung für die Vergabe des Schulplatzes. Aber was macht das mit einer Gesellschaft?

Wo sind dann die Handwerksbetriebe, die sozialen Berufe, die Menschen die an Autos schrauben wollen oder einfach mal wieder beherzt stundenlang im Büro Akten schubsen? Diese Menschen gehen unter. Weil Karriere wichtig ist und jedes Kind zum Studium geprügelt werden soll. Weil jeder Mensch eben nicht gleich viel wert ist, sondern bereits nach der Grundschule und ggf. auch vorher, einen Weg zu gehen hat, der elitärer nicht sein könnte.

Der Durchschnitt wird an den Rand der Gesellschaft getrieben und all die „normalen“ weißen, klugen, reichen, gesunden Kinder in der Mitte herzlich begrüßt.

Der Lehrer meines Kindes empfahl eine Schule am Rande der Stadt. Da sei es schön ruhig und so ein wenig mehr Schulweg fördere ja auch die Selbstständigkeit. Alles richtig. Der Fakt, dass mein Kind dann vermutlich schwerer Freundschaften schließen und halten könne, ständig in Abhängigkeit der Busse und Bahnen sei, ich mich stärker darum sorgen muss, ob es in der Schule ankäme oder auf dem Weg zu Schaden kommt, Bock auf Schwänzerei entwickelt oder oder oder, fand kein Gehör. Das Kind muss weg. Es hatte sich nicht ausreichend als würdig erwiesen.

Diesen Schmerz spüren viele von uns.

Ob wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit, ihres Krankheitsbildes oder ihrer Nichtkonformität. Wer sich nicht normieren lässt, ist raus.

Die Quoten sollten das nicht richten müssen, aber die die es hätten richten können, waren in den tausend Jahren Geschichte scheinbar nicht gewillt oder herrlich naiv.

Menschenwürde ist eben doch antastbar.

I AM NOT YOUR MILF

Die CDU hat sich mal wieder ein Ei gelegt.

In einem Vortrag zur Gewinnung neuer Parteimitglieder, hatten sie versucht auf humoristische Weise (so deren Einschätzung) Frauen anzusprechen. Sie wollen insbesondere mehr MILFs in die Partei locken. Begossen würde das dann mit Sekt und überhaupt mehr Rock’n’Roll und Drogen für alle. Ja. Ha ha. Nicht.

Natürlich kann Satire alles. Sie darf schon auch mal derbe sein und ist nicht selten unter der Gürtellinie. Dabei greifen jedoch die Satiriker von unten nach oben an. Eher selten umgekehrt, auch wenn sich das prinzipiell natürlich nicht verleumden lässt (wir denken nur an den Witz der Titanic über die ehemaligen DDR-BürgerInnen und ihre Bananen).

Wie auch immer. Auch wenn dieser klitzekleine Beitrag der CDU bereits im Nirvana verschwunden ist, trifft er hier und da einen Nerv.

Ich möchte behaupten, seit vor zwanzig Jahren der Film „American Pie“ in die Kinos kam, war der Begriff der Milf geprägt in Deutschland. Frauen die Kinder haben und (trotzdem!) noch fickbar seien. Wir erinnern uns an Stiflers Mom, die über mehrere Episoden der schrillen und peinlichen Komödie zur Ikone junger Mütter wurde. Immer sexy, immer verfügbar und immer irgendwie anders als andere Mütter. Eine Mrs Robinson in dauergeil. Mehr Porno als Realität.

In den letzten Jahren beobachtete ich ebenfalls, wie Frauen jeden Alters begannen sich selbst ebenfalls als Milf zu titulieren. Frischgebackene Mütter posteten Fotos auf Instagram und versahen ihren „After-Baby-Body“ (noch so ein Unwort) mit entsprechenden Hashtags. Es war ein Gräuel.

Da hielten sie also ihren von der Gesellschaft geächteten Ruf in Form gestählter Bauchmuskeln in die Kamera und taten sich und anderen kaum einen Gefallen. „No excuses!“,fauchten sie zusätzlich in die Gemeinde. Wer fickbar bleiben will, muss sich eben ein bisschen mehr anstrengen.

Als mich vor ein paar Jahren, es war mein 31. Geburtstag, in einer Bar ein paar junge Männer ansprachen, erzählten meine beste Freundin und ich bereitwillig von unseren Kindern. Es ging uns dabei weniger um einen Austausch von lustigen Kinderanekdoten, sondern um den Fakt niemanden abschleppen zu wollen. Wir waren schon anderweitig gebunden.

Der ganze Nebentisch rief fröhlich rüber:“Ey, dann seid ihr ja echte MILFs!“ und amüsierte sich königlich. Mir war das abgrundtief peinlich. Nicht für mich oder meine Freundin, sondern diese Halbstarken mit ihren dummen Ansichten.

Niemand hat so offensiv Interesse daran einer Frau ohne Kind ins Gesicht zu sagen:“Ey, dann bist du ja fickbar!“ Es mag einfach keinen entsprechenden Begriff dafür geben oder keine Abkürzung die sich zwar allgemeiner Beliebtheit, aber Unkenntnis erfreut. Würde der Begriff „WILF“ sich durchsetzen? Ich hoffe nicht! Aber genauso fühlt es sich an. Als Mutter zu einem Ruhm gekommen, der keiner ist und gesellschaftlich akzeptierte Abwertung, die auch stolz von anderen Müttern propagiert wird.

Liebe Frauen, fragt euch bitte, ob eure Töchter mit einsetzen der Pubertät nicht ein völlig falsches Vorbild vor sich sitzen haben. Unsere Qualität liegt nicht darin für irgendwen fickbar zu sein oder zu bleiben.

Liebe Männer, wo ihr doch englische Begriffe so mögt: fuck you!

Mich so jedenfalls ganz bestimmt nicht.

WEGE GEHEN, STOLPERN INBEGRIFFEN

Wie oft habe ich mich im Leben schon für meinen Weg geschämt. Alles so holprig und teils planlos. Alles anders als die Norm uns vorschreibt und stets bemüht, aber nie formvollendet.

Ich brach mein Abitur ab, nachdem ich als Jahrgangsbeste immer brilliert hatte. Dauerkrank, ständig aufgrund der chronischen Entzündungen im Krankenhaus. Schmiss den Führerschein gleich hinterher, weil ich immer und immer wieder Belastungen spürte, wo andere Freiheit ahnten.

Ich jobbte in einer Videothek und flog raus, als meine Dyskalkulie auffiel und warf die Schürze in die Ecke, in meinem unbezahlten Job als Bardame in einem indischen Restaurant. Herrlich naiv war ich, als ich dachte nach der Schule würde die Welt mir schon offen stehen.

Meine erste Wohnung gruselte mich so dermaßen und ich zog es bald vor einfach auf einer Matratze in meinem alten Kinderzimmer zu nächtigen. Besser da, als anderswo alleine. Ich war feige. Ein unfertiger Mensch. Völlig verzogen von meiner Mutter und absolut hilflos. Ein Mensch der sich vor anderen Menschen fürchtete. Erst im Grafikdesign-Studium gelang es mir etwas zu empfinden, jenseits von Angst und Schuld. Ich war stolz auf meine Ergebnisse und zeichnete, entwarf und textete um mein Leben. Nur der Technikkram blieb mir fremd. Am Computer empfand ich jede Arbeit als Stilbruch zu meinem wilden, lustvollen Leben. Technik bedeutete Disziplin und Genauigkeit. Ich war schlampig und kreativ. Meine Wischtechnik war berüchtigt und mein Mundwerk so lose wie mein Zeichenstift.

Als ich schwanger wurde, war ich fassungslos. Ausgerechnet jetzt. Kurz vor dem Abschluss. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich gefangen hatte. Und so stiefelte ich mit dem Neugeborenen wieder ins Studium und litt unter Ängsten und Depressionen, so tief und heftig, dass ich nach einem halben Jahr aufgab. Das war nicht mein Weg.

Aber wer war ich?

Gebückt auf allen Vieren putzte ich fremder Leute Wohnungen und grübelte über diese Frage nach. Der Sinn des Lebens, die große weite Welt.Was stand mir zu? Wo wollte ich hin? Irgendwas mit Menschen wäre toll. Aber als Alleinerziehende wäre es nicht leichter geworden. Mir versicherte jeder, Bürojobs sind nun das einzig vernünftige.

So bewarb ich mich um eben diesen und hing die Karriere als Putze und das Ehrenamt in einer Demenzgruppe an den Nagel und lernte Tippen und Kaffee kochen. Na ja, es war schon etwas mehr.

Was ich nicht lernte, mich selbst kennen.

Wieder blieb ich auf der Strecke. Zwischen Stunden im Büro und versucht eine Fassade aufrecht zu erhalten die langsam bröckelte, wurde ich wieder Mama. Für diese zwei Kinder wollte ich Erwachsene spielen. Wollte es so machen wie man es eben macht. Gereift sein. Ruhig werden.

Ich ertrank in meinen Zweifeln und wusste, hier kann doch nicht alles enden. Und ich fasste nach sechs Jahren neuen Mut, schrieb Bewerbungen und begann nochmals von vorne. Ich bereute es nicht. Im Gegenteil. Da war ich nun endlich. In meinem Traumleben angekommen. Mit Menschen arbeiten und etwas über mich selbst lernen.

Wenn es da nicht diesen Haken geben würde. Das Wissen darum, einfach wirklich niemals richtig Glück zu empfinden, wenn ich mich mit Menschen umgeben muss, die mich innerlich aufwühlen, ja fast zerreißen.

Meine hoffentlich nächste Station wird mich ein Stück weiter reifen lassen. Ich strebe die Selbstständigkeit an. Eine Arbeit unabhängig von Menschen die ich mir nicht ausgesucht habe. Teams die mir Kraft rauben, Entscheidungen auf die ich keinen Einfluss habe. Ich möchte heilen, helfen, unterstütze gerne und schütze die die Schutz brauchen. Endlich kann ich begreifen, dass ich nie nach einem Ziel gesucht habe, sondern jemand bin der seinen Weg geht. Einen krummen, holprigen. Einen Weg der nicht jedem gefällt oder liegt. Metaphorisch könnte man sich diesen Weg als Berg- und Talfahrt vorstellen. Aber es ist mein Weg und ich bin endlich bereit ihn zu verteidigen und mir auf ihm die Beine zu vertreten.

Man muss mir nicht folgen, aber wer mich ein Stück begleitet, sieht mich lächeln.

BUNTE TAGE – GRAUE TAGE

Gestern noch schien die Sonne.

Mein Kind und ich gingen mit Freunden auf den Spielplatz am See. Auf dem Rückweg gab es Cookies und abends ein heißes Bad zur Erholung. Der Tag war lichtdurchflutet, außen wie innen.

Bei uns in Berlin ist es heute mausgrau. Ein Sonntag geeignet für Bett und höchstens etwas Papierkram. Natürlich nicht in unserem Hause. Da habe ich bereits acht Schokoladen- Croissants gemacht und die Raubtierfütterung begann gegen acht Uhr morgens. Wir sind auch gleich verabredet und die Waschmaschine dödelt rumpelnd vor sich hin.

Ich fragte mich in den Morgen hinein, ob ich jetzt lieber woanders wäre und die Antwort lautet nein. Hier ist es schön. Ein Kind spielt neben mir mit Autos und ein anderes schaut eine Komödie in meinem Bett. Sie sind zufrieden. Ich bin es auch.

Vor ein paar Monaten war ich nicht so belastbar. Ich sah in meinen persönlichen Abgrund. Wieder Single. Wieder alleine. Tatsächlich ist der Mann meiner Träume noch ein beständiger Teil unseres Lebens. Einmal die Woche, allerspätestens nach zwei Wochen, besucht er mich, die Kinder oder wir ihn. Wir gehen dann gemeinsam aus, in Ausstellungen oder Restaurants. Er passt auf die Kinder auf, wenn ich länger arbeiten muss und er kuschelt mit dem jüngsten Kind sowie der Katze auf dem Sofa als sei nichts gewesen.

Ist es aber.

Er hat sich getrennt. Von heute auf morgen. Ich war überrascht und natürlich sehr traurig. Bin ich selten noch.

Und dann erhebt sich dieses graue Wetter in mir für Lichtblitze, aber bleibt zum Glück nie länger als nötig um zu wissen: es geht weiter.

Es ist nicht ein Tag ums andere gleich. Die Konstante sind wir. Die zwei Kinder und ich. Wir tragen uns durch die Tage, Wochen, Leben. Teilen ein Schicksal und nehmen es mit Bravour an. Es hat weh getan und war in keinster Weise notwendig. War es nunmal nicht. Wir hatten das nicht verdient, haben eine Lektion erhalten die es nicht gebraucht hätte, aber da war sie. Und wir haben wohlmöglich einfach nur eine Tatsache wirklich verinnerlicht:

Auf Sonne folgt Regen, auf Regen, wieder Sonne, auf diese wieder Regen und dann wohlmöglich Hagel, Blitz und Donner…

Es gibt kein perfektes Wetter. Nicht jedes Wetter gefällt allen. Es gibt aber neue Tage und viele davon werden uns noch viel bedeutet haben.

DIESER FUNKELGLITZER-ZUNDERSCHWINDEL

Zwischen Mitte zwanzig, Tendenz eher Richtung fast vierzig, geben sich viele GroßstädterInnen heute gefühlt mehr Mühe etwas aus ihrem Leben zu machen.

Die jüngeren Leute sind noch in ihrer Ratlosigkeit unbeschwert leise. Beruhigend, denn das Getue der bereits fünf Jahre Älteren, ist kaum mehr auszuhalten.

Jeder hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Alles so schön Bio, bewusst, durchdacht und unter den besten Sternen bereitet. Nie geht etwas schief und falls doch, darf es bald als euphorische Botschaft auf einem der vielen Kanäle herhalten. Tiefe? Fehlanzeige.

Da wird Sinnentleerung zur Marketingmaschine. Echtheit bleibt unter einem Haufen Pseudo-Philosophie stecken. Philosophie können wir jetzt nämlich alle. Dieses Ding in Metaphern und kraftlosen Worthülsen.

Wir verschränken unsere Arme, um sie sogleich in die Hüfte zu stämmen:“Ich kann das! Du kannst das! Keine Ausreden mehr!“

Jeder Schlag ins Gesicht eine Lektion und jede Lektion Verpackung für verkaufte Scheiße um Follower zu generieren. Klick mich, Babe. Gib mir das Gefühl jemand zu sein!

Und so reisen wir alle durch unsere Leben, mit einer Idee im Gepäck von dem was wir sein sollten und der Hoffnung niemand erkenne wie banal unser Alltag, wie miefig unser Morgenatem und langweilig unsere Geschichte war, bis wir sie online aufgewertet haben.

Heute sind normale Jobs entweder wieder trendy, weil Handwerk so ehrlich und robust ist und soziale Belange reichen doch immerhin noch aus sich zu profilieren, aber unterm Strich ist alles Kunst. Künstliches schwadronieren über unsere letzten Reisen, tolles Nachhaltigkeitsbewusstsein, unsere gesellschaftliche Verantwortung und die viele viele Liebe die wir bis in die Zehenspitzen fühlen und zu vergeben haben.

Nichts, aber auch gar nichts davon sagt etwas über uns aus.

Wer wir waren, wer wir sind. Wer uns sozialisiert hat und wo der Finger noch heute in der Wunde liegt. Unser Perfektionismus und der Drang allen unseren Stempel aufzudrücken. Unser ewiges Peter Pan Syndrom als Ausdruck absoluter Unfähigkeit. Wir wollen nicht erwachsen sein. Geben uns nicht einmal mehr Mühe dies zu verheimlichen. Wir sind Generation bedeutungsvoll. Wir wollen gesehen und verstanden werden. Wollen geliebt werden und haben verlernt ehrlich zu lieben.

Unser Leben ist ein Schaulaufen und Hetzerei durch Funkelzunderfeenzauber, der uns vermutlich verwehrt wurde und nun so sehr herbeigesehnt ist.

Eines Tages verblassen wir. Und was von uns bleibt sind leere Worte und der fade Geschmack nichts bewirkt zu haben.