EINE KLEINE HORRORSHOW

Hervorgehoben

Ihr wolltet schon immer wissen wie es ist, wenn ihr oder eure Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Stammbaums, einer Behinderung oder sexuellen Präferenz des Landes verwiesen werdet/n? Na dann Gratulation! In ein paar Jahren dürfen wir hautnahe erleben, wie es ist sich diskriminiert zu fühlen und seine Liebsten als unwertes Leben abgestempelt und verurteilt zu sehen.

Noch keine Angst, weil es euch nicht betrifft? Klasse! Dann zeichnen wir mal weiter unsere kleine Diktatur.

Ihr seid jetzt Anfang zwanzig und eure größte Sorge ist, der eingewanderte Nachbar könnte euch Job und Freundin klauen. Angenommen die Freundin ließe sich nicht rauben und die Postbotenstelle sei euch sicher, weil man dafür nach wie vor einwandfrei Deutsch in Wort und Schrift beherrschen müsse (Hust..na, bei wem drückt hier schon der Schuh?). Wie ginge es in einem Horrorfilm jetzt weiter? Genau. Ihr heiratet, weil das die deutsche neue alte Tradition so vorschreiben wird und zeugt ein bis zehn blonde Engel. Leider wird eines mit einem Gendefekt geboren. Abtreibungen sind per Gesetz seit der letzten Vereidigung des neuen Bundeskanzlers (natürlich ein fetter weißer Kerl) verboten und eurer Baby kommt zur Welt. Noch im Krankenhaus beginnt ihr dieses Kind zu lieben. Es ist klein und das gleiche rote Blut eurer Familie fließt durch seine Adern, ABER! Es muss weg. Die neuen Gesetze verbieten unwertes Leben. Hier wird sortiert, noch bevor ihr richtig Abschied nehmen konntet. Eine Krankenschwester nimmt das Bündel Leben vom Bauch der Mutter und niemand sagt euch wohin es verschwindet.

Vielleicht seid ihr sogar froh. Ein hungriges Maul weniger. Die Schande blieb euch erspart und die lebenslange Verpflichtung ebenso. Zu blöd, eure Familie und Nachbarn wissen Bescheid. Sie schämen sich, nur wenige haben genug Mitgefühl.Die Welt ist eine andere seit damals. Kaum Mitleid und diese Härte in allen Gesichtern.

Ihr wohnt in einer Großstadt. Dort gibt es noch viele Homosexuelle. Früher war die Stadt bunt und es wurde viel gefeiert. Heute grenzt die Stadt an ein Musterbeispiel von Zucht und Ordnung. Nur die grölenden Massen glattköpfiger Idioten, die tatsächlich genauso gerne Frauen betatschen und Flaschen werfen, sind noch da. Bereit Ärger zu machen. Sie greifen zunächst euren schwulen Onkel Karl an. Er kommt mit einem blauen Auge davon, aber ihr seid Zielscheibe politischer Konsequenzen. Ihr müsst zum Appel antreten und erklären, in welcher Beziehung ihr zu diesem Schandfleck steht. Heimlich denkt ihr an noch fünf weitere Bekannte und Freunde aus dem engsten Kreis, die ebenfalls gerne Muschis lecken und Schwänze lutschen. Früher, in der Uni, habt ihr ja selbst mal experimentiert. War nix für euch, aber dafür auf’s Maul? Bisschen viel.

Ihr geht zur Arbeit und seht auf der Straße plötzlich eine an der Wand stehende Gruppe Ausländer. Manche mit Kopftuch und alle mit eindeutigen Tätowierungen auf der Stirn. Früher war es das Band am Arm, heute ein nicht auslöschbarer Makel. Dieses Stigma wurde auch eurer besten Freundin verpasst. Die ist dritte Generation Russin und in ihrem ganzen Leben hat sie nie die Grenzen abseits der Stadt verlassen. Dennoch, sie gilt jetzt als Migrantin und Schmarotzerin. Raus mit ihr.

Die Ausländer an der Wand werden ruppig behandelt und angebrüllt. Die euch versprochene Idylle ist keine. Seit Monaten schreiben Polizisten Leute auf der Straße an und marschieren durch die Parks. Sie klingeln nachts die Nachbarn wach und knüpfen sich in der Schule alles Personal vor, welches anders gewählt hat. Die Stadt wird enger. Euer Land wird nicht ruhiger und übersichtlich. Es wird bedrohlich und böse. Wer der Feind ist, stand bereits im Wahlprogramm, aber ihr wolltet es nicht lesen. Alles Schnickschnack.

Apropos lesen. Eure Lieblingssender sind alle tod. Fernsehen wie es einst einmal war, musste genau wie die Pizza, der Döner und natürlich McDonald’s weichen. Heute steht Heimatpflege an. Deutsches Essen. Deutsche Kultur. Wenn ihr Kultur noch definieren wollt, dann ist das die Zeit eurer Urgroßeltern und älter. Seit ihr lebt, gab es Multikulturelle Einflüsse und ihr habt sie gerne genutzt. In Frieden gelebt und geliebt. Gegessen und gesagt was ihr wolltet. Manchmal wütend gepöbelt und im Wissen um eure Freiheit die ein oder andere Demo genossen, genau wie einen Joint auf der Fensterbank. Ihr habt öffentlich geknutscht und wenn ihr psychologische Betreuung nach heftigem Liebeskummer hattet, wurde niemand des Landes verwiesen. Heute ist das anders. Heute seid ihr Verbrecher, weil ihr eurem Staat schadet. Ihr seid dafür da Geld zu verdienen und in eurer Freizeit Kinder zu zeugen. Ob das je eurer Ziel war oder ihr eigentlich lieber mit dem Motorrad die Küsten Europas abgefahren hättet, spielt heute keine Rolle mehr. Eure Reisen beschränken sich nun auf das Inland.

Nach drei Jahren Schwermut klingen die Sirenen. Sie sind installiert worden, nach vierzig Jahren Abriss. Ihr rennt heute nicht mehr in den Keller runter. Sollen sie euch doch heute erwischen. Ihr seid es Leid. Zur Schule geht sowieso keiner mehr und eure Jobs sind dem Militärdienst gewichen. Eure Frau ist neulich gestorben, als eine Granate sie erwischt hat. Eure Kinder sehen aus wie müde kleine Zombies. Grüne Wiesen sind den oberen zehntausend vorbehalten. Aller Reichtum dient der Elite.

Ihr seid aber der Pöbel. An euch denkt heute genauso wenig jemand wie damals. Damals gab es diesen kurzen Moment, in dem es wichtig war eure Stimmen zu gewinnen. Diese elende Wahl, als euer Kreuz an falscher Stelle saß. Als die Demokratie dazu verhalf eine Diktatur zu schaffen.

Ihr geht durch die Trümmern und denkt an die Freiheit zurück, die euch damals dazu brachte den falschen Schritt zu gehen. Ihr seid müde. Ihr seid endlich wach.

UNSERE SCHÄRFSTEN KRITIKERINNEN

Hervorgehoben

Neulich habe ich einen Text zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelesen. Inzwischen werden diese immer kritischer und entlarven was wirklich schief läuft in einer Gesellschaft zwischen Leistungsdruck und Überlebenskampf. Ich erwischte mich dabei, wie ich die Worte der Texterin anzuzweifeln begann. Sie war Journalistin und Alleinerziehende. Mitten in der Arbeit, kam der uns allen bekannten und verhasste Anruf „Kind abholen“. Sie fuhr dann mit dem Taxi los und konnte auch drei Tage später ihre Deadline für eine Abgabe nicht einhalten. Innerlich rührte sich etwas in mir. Würde mein Chef verstehen, wieso ich drei Tage einfach nicht zur Arbeit kam? Würde ich mir ein Taxi leisten (können), wenn mein Kind aus Kita oder Schule abgeholt werden müsste? In beiden Fällen ein eindeutiges Nein.

Doch dann fragte ich mich, wieso ich mich über eine andere Person stelle, denke sie sei ja noch gut bei weggekommen. Ist sie nicht. Sie ist frustriert, verängstigt, gestresst und genervt wie ich. Sie ist ratlos und suchte ein Ventil. Für sie ist dieser Spagat genauso spürbar wie für mich, ob mit Haushaltshilfe oder ohne. Und ich wette selbst mit Partner oder einem Netzwerk aus Freunden und Familie, hätte jemand da draußen einen Grund zu klagen, weil es schwer sein kann und weil nichts so viel Flexibilität fordert, wie Beruf und Familie zugleich zu meistern.

Die Kritikerin in mir, wusste um meinen Tagesablauf. Ich wusste wann ich aufstehen muss und mich endlich wieder hinlegen darf. Ich wusste aber gar nichts von ihr da draußen. Ihre Sorgen und Ängste sind nicht kleiner und nicht deutlich anders. Sie ist ich. Ich bin sie. Ich wünsche ihr Kraft und Lebensfreude genug, um sich immer wieder aus ihrer stressigen Situation befreien zu können. Ich wünsche ihr nur das Beste. Ob im Bus oder im Taxi sitzend.

NERVENSÄGE

Kennt ihr so Menschen die zu allem was zu sagen haben? Oder es zumindest denken.

Die sich einmischen, manchmal wütend, manchmal vorschnell.

Die oft in unpassenden Momenten lachen. Laut. Ordinär. Ein Hexenlachen.

Die euch die fünfte Sprachnachricht in der Woche schicken, weil all diese Gefühle scheinbar raus müssen? Aufmerksamkeitsdefizit?

Die sich mit euch freuen, manchmal euphorisch und oftmals ein bisschen drüber.

Die Dramen leben, durchstehen und ihr euch fragt was verdammt nochmal deren Problem sein könne, die haben doch scheinbar Nerven wie Drahtseile.

Diese Nervensäge bin auch ich.

Ich stänkere in Vorlesungen für mehr Feminismus und Gleichberechtigung. Ich klugscheißere mich durch meinen Arbeitstag und nehme in Kauf nicht immer verstanden zu werden. Ich würde jeden Arbeitsplatz der Welt schmeißen, wenn ich zu etwas gezwungen werde, was ich nicht bereit bin zu leisten. Ich liebe leidenschaftlich und übe mich in Wachstum und Geduld, was sich oft beißt mit meinem Ehrgeiz und meiner Emotionalität.

Ich habe hohe Ansprüche und bin gleichzeitig wahnsinnig unsensibel. Ein wenig zu ironisch, etwas zu platt. Mir kommen die Worte herausgesprudelt wie Wasser aus einem Brunnen. Ich entschuldige mich gerne, aber vermutlich ändere ich mich nur schwerfällig.

Mir ist es wichtig aufzutanken, weil ich aber nie lange stillsitzen kann, bin ich der gelebte Widerspruch. Spaziergänge über fünf Stunden, jedes Wochenende ein Abenteuer, so es die Brieftasche hergibt. Immer Action mit den Kids und mittendrin viel Ohnmacht ob der eigenen Müdigkeit bei zeitgleichem Sturm auf die Bastille. Ich nerve mich manchmal selbst.

Mein Kopf ist ein Bienenstock und mein Herz ein Affe.

Ich bin fordernd und gewillt für alles und jeden Verständnis aufzubringen. Wild und spießig zugleich. Ich habe Ziele und möchte doch am liebsten alles sofort. Wissen schlägt Emotionen zum Glück inzwischen recht häufig. Die Erfahrungen dienen dem Abgleich. Bin ich schon besser? Bin ich schon weniger ich?

Manchmal wäre ich gerne etwas ruhiger in Situationen in denen ich üblicherweise laut und drängend bin und mutiger dort, wo ich mich lieber verstecke. Als David Bowie „Loving the Alien“ sang, muss er an mich gedacht haben. Der verglühende Stern, ausgebrannt, ein Überflieger, jenseits von allen.

Wäre ich ihr, würde ich mich absonderlich finden. Und ein bisschen gut.

LET'S TALK ABOUT

Ein oft besprochenes und doch tabuisiertes Thema: Gewicht.

Wir lesen häufig von Diäten, Cellulite und die Bekämpfung von Übergewicht. Wir könnten Seiten füllen mit neuen Lifestyle-Produkten die uns schlanker machen sollen und der Trend Richtung gesundes Körpergefühl hält zum Glück an. Eventuell wird es bald normal sein normal auszusehen. Eventuell wird Körperform bald nichts mehr mit Charakter und Mensch zu tun haben.

Ich hingegen bin, obwohl ich oft über meine Ernährung rede und mich aus unterschiedlichen Gründen immer zwischen Diät und Essstörungen bewege, gar nicht gerne Teil dieser Unterhaltungen. Sobald mir jemand aufsagt ich sei zu dünn geworden oder könne mich ruhig auch mal an Döner und Pizza trauen, werde ich unruhig. Mein Essverhalten ist etwas ungewöhnlich. Ich picke. Vor einiger Zeit habe ich gerne gegessen und Sport glich dann das überschüssige Fett aus. Muskeln waren Trend, ich quälte mich mit. Meine Bulimie überwunden, habe ich nie. Sie schlummert, sage ich dann immer. Es wissen allerdings nur eine Handvoll davon. Wieso sollte ich auch über das sprechen, was sich nicht in drei Sätzen erklären lässt?

Als junges Mädchen war ich dick und dann spindeldürr. Ich machte Sport, aß in meinen Augen gesund und wetteiferte mit den Mädchen meiner Klasse. Normal soweit. Gesund war es nicht. Ein Gradmesser meines angeblichen Wohlfühlstandard war, ob ich auf dem Bauch liegend in der Wanne die Hüfte spüren konnte. Die Knochen hervorstechend.

Gestern sagte ein Freund von mir, ich sei sehr dünn geworden. Ich schob es lachend beiseite. Der Stress. Der Kummer. Eben das Leben. Er irrt sich. Nackt sehe ich aus wie Hüttenkäse. Er meinte, es gäbe eine Methode Magersucht aufzudecken bzw. dünnen Menschen ohne Körpergefühl zu zeigen wie schlank sie eben wirklich seien. Einfach einen Neoprenanzug an. Der verheimliche nichts.

Heute lag ich in der Wanne. Als ich mein Gesicht mit der Gesichtsmaske umständlich waschen wollte, drehte ich mich auf den Bauch. Autsch.

Da waren sie. Die Knochen meiner Jugend.. zuletzt so deutlich mit vierzehn gefühlt. Ich erschrak. Und als ich tiefer rutschte, war da der Rippenbogen. Das war neu.

Wie konnte ich mich denn so irren? Wo war mein blinder Fleck? Klar die Hosen rutschen und neue Jeans in 34 passen nun schon eher. Trotzdem sah ich im Spiegel dieselbe Frau. Dieselben Schenkel und Oberarme.

Es ist soweit. Ich muss mit mir härter ins Gericht gehen. Offen sagen, was andere schon ahnen. Es ist nicht normal zu picken. Es ist nicht okay sich rauszureden. Das Offensichtliche zu verschweigen.

Mein Körper ist kein Tempel. Momentan ist er eine Baracke. Ein Sinnbild meines Gefühlszustandes der letzten Monate. Da es mir deutlich besser geht, braucht er nun Nahrung. Braucht Schutz und Liebe, so wie er mich versorgt hat, als meine Seele sich zerrissen fühlte.

Ich nehme ihn wahr. Ich gebe was er braucht. Endlich. Reden wir miteinander. Es ist okay. Es ist nicht gesund.

SIEH MAL MEINER AN

Sagt man ja auch viel zu selten.

Wann habe ich zuletzt so gefühlt wie heute? So glücklich? So frei? So stark und bewusst? Wann war das, wann?

Wie kam es und wodurch? Zeit? Glück? Demut und ein wenig Unterstützung von da draußen? Ganz sicher.

Heute ist wieder eine schöne Woche vorbei. Abschließend haben die Kinder und ich eine Stunde im Wohnzimmer getanzt. Die Musik meiner Kindheit und Jugend lief. Zugegeben, eher die Musik der Jugend meiner Mutter. The Smith, The Clash, etwas Police und Elton John. Sie hüpften auf dem Sofa und ich auf dem Dielenboden.

Ich hatte zum Kaffee etwas Baileys. Verdient. Denn als ich heute die Einkäufe samt Katzenstreu zur Kita schleppte, frisch aus meiner letzten Vorlesung, war mir kurz die Luft abhanden gekommen. Ein unruhiges Kind später und ein paar gefühlte Meilen zwischen sicherer Wohnung und überfüllten Straßen, brach das Freitagsgefühl endlich durch.

Vor ein paar Wochen waren Freitage meine schlimmsten Tage. Schlimmer als Sonntage. Da kann ich wenigstens mit den Kindern ins Museum oder andere Alleinerziehende besuchen. Freitag war „unser Abend“. Kochen, Filme, Spieleabend. Jetzt sind Freitage wieder meine Tage.

Ich liege auf dem Bett, tippe diesen Text und neben mir schnurrt der Kater, den ich mir mit diesem Mann nie hätte holen können. Es gab zum Abendessen Bratkartoffeln mit Zwiebeln, die dieser Mann nie gegessen hätte und ich kann und werde heute sehr zeitig ins Bett fallen. Der Weg dahin war etwas schwurbelig, aber hier und heute geht es mir gut. Befreit von mir und meinem Kummer. Der Angst etwas zu vermissen.

Möglicherweise vermisst uns jemand. Jemand der noch nicht weiß wie toll die Abende bei uns sind. Tanzen zu Britpop und Jenga-Spieleabenden. Wir, die voller Unternehmungslust stecken. Wir, die laut und leise können. Die wir uns brauchen und lieben und raufen und zanken. Momentan kenne ich nichts schöneres als das hier. Diese Nähe und das Gewusel. Momentan ist es so ein Geschenk, ich möchte nicht einmal teilen.

WEIT WEG VON

Morgens nachdem Aufstehen, brüllt mein jüngstes Kind mich an:“Ich will Trickfilme schauen!“. Grammatikalisch herausragende Leistung, aber inhaltlich und emotional sowas von daneben. Sechs Uhr früh an einem Freitag gibt es keine Trickfilme in unserem Haus. Da gibt es Kaffee für mich im Bad, während ich mich schminke und mit einem Ohr im Wohnzimmer hänge. Außerdem gibt es Frühstück, also genauer definiert, Joghurt für die Kinder in der Küche.

Der Tag beginnt fast immer gleich. Ich kümmere mich zuerst um die anderen, mache Betten, lüfte, Katze versorgen, Kinder versorgen und dann komme ich. Zwischen kaltem Milchkaffee und einer schnellen Dusche, so überhaupt möglich, endet der Morgen vor der Kita, wenn alle abgegeben sind und ich kurz durchatmen kann. Dann ist es fünf vor sieben.

Gestern kritisierte eine Dozentin das Verhalten und Nichtwissen über Kindererziehung bei Eltern. „Können die nicht lesen? Wollen die sich nicht informieren?“ und eine Kommilitonin ergänzte „Ja also wenn ich höre was die so zum Frühstück servieren….kein Obst am Morgen, geht ja gar nicht!“. Ich saß da, beschämt und wütend. Wir sind Studentinnen im fünften Semester Pädagogik und scheinen noch immer keinen Umgang mit diversen Lebensmodellen und Lebenswelten gefunden zu haben. Wir kritisieren ohne zu hinterfragen. Wir stellen uns über andere und begeben uns nicht auf Augenhöhe. Wir sind die Guten. Die anderen sind Schrott. Trash.

Ich hebe also meine Hand, hole tief Luft und berichte von mir. Klar. Erfahrungen gehen nicht über Theorien. Aber sie berühren und bei angeblich so empathischen Mitmenschen sollte es klappen.

Nein, meine Kinder essen morgens auch kein Obst. Sie essen für gewöhnlich gegen sechs Uhr gar nicht gerne. Nein, damit schließe ich nicht aus im Laufe des Tages Obst und Gemüse zu servieren. Wird dann auch bereitwillig am Nachmittag verspeist. Nein, nicht alle Eltern informieren sich vor Eintritt der Schwangerschaft über die Fallhöhe der Aufgaben. Sie werden wohlmöglich durch ältere Generationen zusätzlich mit dummen Informationen versorgt und sind dann überfordert.

Ja, auch ich kenne das. Obwohl ich mich für engagiert halte. Manchmal engagierter als andere. Fleißiger, bemühter, angestrengt. Was mich aber tatsächlich ausmachen könnte, ist meine Offenheit. Ich bin ehrlich, es ist schwer und es ist nicht alles perfekt.

Wer sich selbst nicht reflektieren will, es wohlmöglich sogar nicht kann, kann doch aber immernoch eines mit Bestimmtheit: Kinder bekommen. Wer sich in unserem Beruf nicht selbst reflektieren kann oder unter ständigem Vorurteilen arbeitet, gehört meiner Meinung nach dort dann aber ebenso wenig hin.

Die Krönung kam abschließend von selbiger Dozentin: sie sieht manchmal Pädagogen mit Kaffeetasse rumstehen.

Ach was. Sowas nennt man Pause und in der Regel haben wir diese nunmal leider nicht mittags. Danke für’s zuhören.

WARUM ICH MICH WIRKLICH MEHR ANSTRENGEN MUSS

Vor ein paar Tagen war ich in einer Ausstellung mit dem Titel „Fast Fashion“.

Dieses Thema beschäftigt mich bereits seit Jahren. Mein Umgang als einzelne Person mit Konsum, Mode und Umwelt sowie sozialer Verantwortung und der Umgang aller, also meiner Umwelt und der Gesellschaft in der ich lebe.

Nicht erst seit Greta und fff wissen wir hoffentlich, dass Schnelllebigkeit und Globalisierung eben auch Schattenseiten hat. Dass der Kauf mehrerer kurzlebiger Artikel sich am Ende irgendwo bezahlt macht, vielleicht nur eben nicht in meiner Brieftasche. Und natürlich sind sich auch viele Menschen bewusst, nicht alles was ich will, brauche ich auch.

Dennoch schien mir in den letzten Jahren das Shopping mehr Hobby als Nutzen zu haben. Eine Form der Selbstregulation, um mich zu erheitern, auszugleichen, meine Bedürfnisse die an anderer Stelle zu kurz kamen, zu befriedigen.

Amazon machte dann außerdem noch möglich, schneller und häufiger das Belohnungssystem zu aktivieren. Wieder ein neues Paket, wieder eine Ladung Schrott den keiner braucht, wohlmöglich sogar gratis über SpenderInnen aus dem www.

Ich schämte mich schon auch mal und erwog, wie lange ich es durchhielt frei von Nippes und neuester Mode meinen Alltag zu bestreiten. Fast hundert Tage immerhin. Ich reagierte mich in dieser Zeit anders ab und fand mein Seelenheil beim Kauf eines Lippenstifts oder Hygieneartikels. Ich füllte ganze Listen auf Amazon an und ließ sie ungekauft. Meist gefielen mir die Sachen auch bereits wenige Monate später gar nicht mehr und ich erkannte meinen Irrtum.

Diese Ausstellung jedoch half, mich nochmals zu begreifen, warum es so wie es ist nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen wird.

Fabriken die einstürzen sind ja schon Grund genug. Menschen die sterben. Über tausende ArbeiterInnen waren es. Viele davon noch minderjährig.

Oder der Fakt, dass unsere Kleidung und die Produkte aus Übersee tatsächlich manchmal bis zu neun unterschiedliche Länder und Regionen gesehen haben, auch wenn nur eine, nämlich die letzte Station auf dem Etikett vermerkt wurde. Die CO2- Bilanz, eine Katastrophe!

Desweiteren der nicht schön zu redende Anreiz, dass bereits mehrfach der viertgrößte See weltweit ausgetrocknet war, weil die Nutzung für Fabriken der Umgebung, bei der Herstellung von Kleidung nicht unwesentlich ist. Wir sprechen von einer memschengemachten Umweltkatastrophe. Einer Tatsache beruhrend auf der Idee Kleidung zu produzieren. Mehr nicht. Kleidung.

Eine weitere Tatsache: die Menschen, insbesondere die Frauen, werden in diesen Fabriken unwürdig behandelt, geschändet und teilweise getötet. Die Regierung sieht weg, ja boykottiert sogar Streiks und lässt ArbeiterInnen unter unwürdigen Bedingungen für einen Lohn von umgerechnet 13 Cent pro Tag arbeiten. Wir reden von einer Arbeitszeit von fünf Uhr früh bis zweiundzwanzig Uhr abends. Schlaf finden viele Arbeiterinnen und ihre Kinder in Baracken neben der Fabrik. Fensterlose, ungepflegte Räume ohne Betten. Sie lagen aufeinander gestapelt im Raum, erschöpft und hungrig. Sich also rauszureden, wir würden diesen Menschen ja wenigstens Arbeitsplätze ermöglichen, ist blanker Hohn.

Ich sah Bilder von Toten. Sah Bilder von Verschwendung. Bilder von Leid. Frauen die zur Abtreibung gezwungen wurden, wenn die Leiter sie vergewaltigten. Frauen die Verträge abschließen mussten, sich fünf Jahre nicht schwängern zu lassen, damit sie arbeiten konnten. Kinder die nie eine Schule besucht hatten. Familien in vierter Generation im gleichen Betrieb schuften.

Ein Video blieb mir ebenfalls eindrücklich hängen. Unsere Kleidung ist nicht frei von Pestiziden. Alles muss beim Transport gespritzt werden. Selbst Baumwolle ist hochgradig verseucht und Krebs erregend. Aber schlimmer noch, der Umgang mit Tieren. Schafe die bei lebendigem Leib geschändet wurden. Wolle abgezogen, als sei es ein Heftpflaster. Leiber auf Müllhaufen. Tiere gequält und wir reden nicht von Pelzmode.

Natürlich ist es ein steiniger Weg zu einer gerechten Gesellschaft. Zu einer Verantwortung die alle betrifft, weil sie betroffen macht.

Zu oft lese ich noch: wer arm ist, der muss ja nun mal da und dort billig kaufen. Es mag stimmen. Billig und teuer unterscheiden sich aber nicht in der Produktion, es sei denn wir kaufen regional. Es sei denn wir unterstützen tatsächlich kleinere Labels. Je mehr wir in die Verantwortung treten, umso häufiger wird es wieder kleine Designer geben, die ihre Ware hier produzieren und ihre Stoffe in der Gegend erwerben. Die Recycling und Upcycling fest integrieren. Modeketten, die ihre Linien wieder zweimal im Jahr verändern und nicht zwölf Mal pro Monat.

Die Regierungen dieser Welt haben längst erkannt, wo ein Konsument, da eine Möglichkeit. Sie wirtschaften sich in die eigene Tasche und nehmen dabei große längerfristige Katastrophen in Kauf.

Der Markt ist voll mit Produkten die keiner mehr will. Längst gibt es Tauschbörsen, niederschwellige Angebote und Möglichkeiten sich online oder direkt einfach und günstig einzukleiden. Der Markt profitiert von der Anfrage der KäuferInnen und passt sich an.

Wer also noch immer sagt „mach ich nicht, denn ich kann es nicht“, macht es sich zu einfach. Es mag stimmen, einige Dinge werden eben nicht heute oder morgen lieferbar sein. Und es ist richtig, zunächst ist Qualität mit einem höheren Preis verbunden, aber auf Dauer lohnt sich der Ausstieg aus dem Konsumrad. Es werden wieder Ideen geboren, die es längst gab. Schneiderein, NäherInnen, echte Ware aus der Gegend. Davon profitieren wir hier und die armen Ländern anderswo. Wir schaffen eine Zukunft für alle und nicht nur für einzelne. Wir sind bereit uns wieder Zeit zu lassen und abzuwägen. Uns ein gutes Stück dann zu kaufen, wenn wir es uns leisten können und ein dringend gebrauchtes von einem kurzen Impuls zu unterscheiden. Wir werden wieder Zeit finden unsere Stunden besser zu füllen und aufhören uns mit anderen zu vergleichen, wegen Banalität, auf ordinäre Weise.

Wir müssen einen Anfang machen. Ich. Du. Wir.